Neuigkeiten: Bitte beachte die Forenregeln! http://www.he-man.de/forum/index.php?topic=25232.0

  • 26.09.2018, 11:52:12

Autor Thema: Fisto  (Gelesen 4668 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline bluecat9

  • Trade Count: (0)
  • Master of the Universe
  • *****
  • Beiträge: 1.375
  • Geschlecht: Weiblich
Re: Fisto
« Antwort #15 am: 14.04.2013, 19:08:51 »
In der Bibliothek

Die Gelegenheit schien günstig. Ian schälte sich vorsichtig aus dem Schlafanzug und zog sich an. Die Nacht draußen war ruhig, kalt und sternenklar. Offenbar waren die Götter Eternias heute endlich mal auf seiner Seite. Weder aus der Schlafkammer der Eltern noch aus dem Zimmer seines Bruders drang irgendein Geräusch. Wenn er jetzt die unterste Stufe der Treppe so betrat, dass sie nicht knarrte, hatte er gewonnen. Der Rothaarige warf einen letzten Blick auf den Wecker. Zeit satt. Er musste sich nicht durch übertriebene Eile in Gefahr bringen. Er würde rechtzeitig zu dem Treffpunkt gelangen, an dem ihm Kronis erwartete. An der Haustüre angekommen ließ die Anspannung nach. Arthur McAllister war ein Pedant, der die Schlösser seiner Türen und Tore sorgfältig ölte, so dass man sie lautlos öffnen konnte. Der Jugendliche schob sich ins Freie und grinste. Das ging ja fast zu einfach. Je weiter er sich von seinem Elternhaus entfernte, desto besser fühlte er sich. Die Tatsache, dass er für seine neuen Bekannten stehlen sollte, hatte der Sohn des  Ingenieurs längst verdrängt. Erst als er den Königspalast sah, fiel ihm sein „Auftrag“ wieder ein. Von Kronis war weit und breit nichts zu sehen. Hatte man ihn veralbert?

Die Zeit verstrich und niemand kam. Ian blickte sich unruhig um. Man hörte die Schritte der Wachen, irgendwo heulte ein Hund kurz auf. Gemütlich war es nicht.  Noch fünf Minuten, dann würde er gehen! Und Keldor später eine Abreibung verpassen. Prinz hin oder her, veräppeln ließ er sich von keinem. Gerade wollte sich Duncans Bruder zum Gehen wenden, als er eine Hand auf der Schulter spürte. Ian fuhr herum und entdeckte Keldors Meisterdieb, der warnend die Finger auf die Lippen legte und ihm andeutete, zu folgen.

Kronis kannte sich bestens aus. Ohne Zögern drängte er den rothaarigen Kameraden durch ein Loch in der Palasthecke direkt in den Schlossgarten. „Hallo. Entschuldige die Verspätung, aber ich musste warten, bis sich die restlichen Wachen auf die andere Seite des Schlosses begeben“, flüsterte Keldors Kumpan leise. Ian sah sich unruhig um. „Aber zwei Wachleute sind doch noch da! Wollen wir nicht warten, bis sie auch gehen?“ Der Gar schüttelte den Kopf. „Die lassen uns durch, keine Sorge.“ Duncans Bruder sah ihn ungläubig an. „Die lassen uns durch? Aber warum?“ Der Blauhäutige schnaubte ironisch: „Man erreicht viel mit Geld.  Keldor hat genug davon. König Miro ist doch dankbar, dass er sich mit Geld und Geschenken freikaufen kann. Aber der wird sich noch wundern!“ Kronis hielt inne. Offenbar wurde ihm klar, dass er mehr verraten hatte, als gut war. Ian wollte gerade fragen, was sein neuer Freund mit seinen Andeutungen meinte, doch Keldors künftiger Leibwächter sah ihn warnend an und drängte ihn Richtung Bibliothek. In den langen Gängen des Schlosses hallten die Schritte unheimlich, die Stille wirkte fast bedrohlich. Dem Sohn des königlichen Ingenieurs schlug das Herz bis zum Halse. Er würde es zwar bei einer Prügelei mit mehreren Gegnern aufnehmen, doch gestohlen hatte er noch nie. Aber nun war es zu spät, einen Rückzieher zu machen. Kurz vor dem Ziel deutete Kronis an, stehen zu bleiben und griff hinter einen der schweren, roten Vorhänge. Der Gar zog eine Tasche hervor und förderte zwei Uniformen zu Tage. „Anziehen! Und lass mich reden, du schweigst, klar?“ Unter anderen Umständen hätte der Rothaarige nie so mit sich reden lassen.  Minuten später sahen beide aus wie königliche Wachen, wenn auch wie sehr junge. Der Gar war eindeutig in seinem Element. Er gab Ian einen kräftigen Schubs. „Pass auf und sag Bescheid, wenn jemand kommt! Und vergiss nicht: Wir überprüfen im Auftrag von König Miro die Sicherheit der Türschlösser! Wir machen das extra nachts, damit wir die anderen Angestellten nicht von ihren Aufgaben abhalten! Setzt den verdammten Helm auf, damit man deine Haare nicht sieht! Rote Haare fallen immer auf! Falls ich in Schwierigkeiten gerate, werde ich pfeifen. Dann musst du mir helfen, klar?“ Der Sohn des königlichen Ingenieurs nickte kurz, obwohl ihn sein schlechtes Gewissen fast umbrachte. Doch es kam niemand. Kronis knackte das Schloss leise und innerhalb weniger Minuten. Erleichtert wollte Ian ihm durch die Tür in die Bibliothek folgen, doch der Gar hielt ihn zurück. „Du bleibst draußen und hälst die Augen offen! Wenn jemand kommt, der Fragen stellt, dann lenk ihn ab!“ Der Rothaarige zuckte nervös. „Und wenn er sich nicht ablenken lässt?“ Keldors Kumpan verdrehte die Augen. „Dann setzt du schlagende Argumente ein! Sei doch nicht so blöde! Und jetzt lass mich gehen, je eher wir das hier schaffen, desto besser!“ Mit diesen Worten verschwand Kronis im Inneren der Bibliothek.

Ian blieb wie betäubt draußen stehen. Selten war ihm derart unbehaglich gewesen. Er versuchte, sich zusammenzureißen und nach Wachen Ausschau zu halten. Seine Sorge war unbegründet. Niemand kam. Trotzdem schienen sich die Minuten endlos zu dehnen. Wo blieb Kronis nur? War es so schwer, die zwei gesuchten Werke auszumachen?

Der Gar war inzwischen fündig geworden. Hastig stopfte er die zwei gesuchten Bände in seine Tasche unter dem Umhang. Ganz traute er dem Neuzugang nicht. Sicher, er war kräftig, aber er schien nicht besonders klug zu sein und hatte zu dem auch noch augenscheinlich Angst. Keine gute Vorraussetzung, um bei einem Diebstahl Schmiere zu stehen! In diesem Moment ertönte hinter Kronis eine tiefe Männerstimme. „Darf ich fragen, was du zu dieser Uhrzeit in der Bibliothek machst?“ Der Gar fuhr herum. Jetzt galt es, die Nerven zu bewahren! Der ältere, dunkelhäutige Soldat musterte Keldors Gefolgsmann streng. Kronis straffte sich und lächelte selbstsicher. „Habe den Auftrag,  meinem Ausbilder General Dekker ein Buch über Eternit und seine besonderen Eigenschaften zu besorgen, Sir“, antwortete Ians Komplize zackig. Der dunkelhäutige Mann ließ sich nicht beeindrucken. „Und das Buch suchst du hier, in der verbotenen Abteilung für magische Bücher? Und es ist für General Dekker, richtig?“  „Oh, Verzeihung, da habe ich mich tatsächlich in der Abteilung geirrt. Wie gesagt, ist ein eiliger Befehl von Dekker, er hat mir auch die Schlüssel zur Bibliothek gegeben!  Jetzt lasst mich gehen!“ Der ältere Soldat packte Kronis am Umhang. „Nicht so schnell, Freundchen. Wenn es ein Befehl von deinem Ausbilder war, wieso weiß ich dann nichts davon?“ Blitzschnell warf Kronis den Umhang ab und suchte sein Heil in der Flucht. Sein Gegenüber war nur Bruchteile von Sekunden überrascht, dann nahm er die Verfolgung auf. Für einen Mann in seinem Alter war er verdammt gut in Form und Kurzstreckenlauf war nie die Stärke des Gars gewesen. Kronis steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen leisen Pfiff aus.
Ian horchte auf. Das vereinbarte Signal! Sein Kumpel steckte in Schwierigkeiten. Sekunden später hörte er den Laufschritt von zwei Leuten. Ian positionierte sich hinter die Bibliothekstür und bewaffnet sich mit einer Vase. „Kronis! Hier her!“, zischte er dem Gar zu. Der Kumpan rannte an ihm vorbei und Ian schlug seinen Verfolger mit aller Kraft die Vase über den Kopf. Krachend zersplitterte das Gefäß. Der ältere Mann ging zu Boden und blieb reglos liegen. Ein dünnes Rinnsal Blut floss über seine Stirn und sickerte auf den Korridor.  Der Rothaarige erstarrte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er einen Menschen niedergeschlagen hatte. Der Sohn des königlichen Ingenieurs wollte sich gerade über sein Opfer beugen, als Kronis ihn zurückriss. „Bist du verrückt? Wir müssen hier weg, bevor uns jemand erkennt! Lauf!“ Wie im Traum folgte Ian dem Kameraden, der durch das Schloss hastete. Einmal mussten sie sich noch von vorbeiziehenden Wachen verstecken, dann waren sie durch die Hecke und hatten den Schlossgarten wieder verlassen. Als sie außer Hörweite waren, klopfte der Gar dem Rothaarigen anerkennend auf die Schulter. „Das war klasse! Der Typ schläft erst Mal eine Weile und mit ein bisschen Glück hat er eine Gehirnerschütterung und kann sich an nichts mehr erinnern! Ich habe dich unterschätzt, ehrlich!“ Ian war es mehr als unbehaglich. „Was, wenn er verblutet? Wenn er eine Familie hat oder auch nur eine Frau, für die er sorgen muss? Wir können ihn da nicht liegen lassen!“
„Quatsch! Wenn er ein Wachmann ist, muss er das Risiko, verletzt zu werden, in Kauf nehmen. Dafür werden sie bezahlt, oder? Mach dir keine Sorgen, die anderen werden bald nach ihm suchen und ihn finden!“ Ian wollte gerade widersprechen, als ein Knacken im Gebüsch ihre Aufmerksamkeit erregte. Wie aus dem Boden gewachsen stand Keldor vor ihnen. Im Mondlich wirkte er unheimlich, fast dämonisch. „Die Bücher“, forderte er ohne Umschweife. Kronis übergab sie ihm gehorsam. Der Kronprinz grinste zufrieden. „Gut gemacht, alle beide! Das werden wir feiern! Lust auf ein gutes Bier?“ „Ist doch schon längst Sperrstunde“,  warf Ian ein. Er hatte noch nie Alkohol getrunken, dies war in seiner Familie verpönt. Aber das musste er jetzt ja nicht unbedingt zugeben, oder? Außerdem steckte ihm seine Tat noch tief in den Knochen. Vielleicht wäre es besser, diese Freundschaft aufzugeben und sich wieder der Ausbildung zu widmen, so schwer und langweilig sie auch sein mochte. Der Königssohn lachte ihm aufmunternd zu. „Ich weiß, wo es keine Sperrstunde gibt. Und du musst morgen nicht in die Werkstatt habe ich Recht?“ Ian nickte ergeben. Er konnte ja kurz mitgehen und sich dann beizeiten aus dem Staub machen. Schweigend folgte er den beiden Kameraden.

Die Gegend wurde düster. Heruntergekommene Häuser zwischen denen sich seltsame Gestalten herumtrieben, die Wege waren mit Unrat übersät. Wieso kannte sich Keldor hier aus? Dies hier war wirklich kein Ort für einen Königssohn! Der Blauhäutige steuerte zielsicher ein Gasthaus an, in dem tatsächlich noch Licht brannte. Keldor dirigierte seine zwei Freunde hinein und gab der Katzenfrau, die hier als Bedienung arbeitete, ein Zeichen. Minuten später standen riesige Biergläser vor ihnen. Der Prinz hob sein Glas und prostete ihnen zu. „Auf unseren Erfolg!“ Ian zögerte, dann setzte er zum Trinken an. Das Gebräu war angenehm kühl,  leicht bitter und löschte den Durst hervorragend. Langsam begann es, sein schlechtes Gewissen zu vernebeln. Als Kronis lobend Ians Heldentat erwähnte und Keldor ihm einen anerkennenden Blick zuwarf, begann der Rothaarige, sich wohl zu fühlen. Hier galt er etwas, hier waren sein Aussehen und seine Schwierigkeiten, korrekt zu Rechnen absolut egal. „Und? Willst du immer noch gehen?“,  erkundigte sich Skeletors künftige Leibwächter grinsend. Ian nahm einen weiteren Schluck Bier. Er nahm weder die heruntergekommene Umgebung noch die schon weit fortgeschrittene Uhrzeit war. Sein Kopf fühlte sich leicht an, er wurde angenehm müde. „Nein. Ich bleibe noch. Mein Vater kann mir den Buckel runterrutschen!“  Seine Begleiter nickten zustimmend und zwinkerten sich heimlich zu. Dies bemerkte Ian schon nicht mehr. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich geschätzt und akzeptiert. Nur das zählte.
 



Offline Motuwahn

  • Trade Count: (+6)
  • Verteidiger Grayskulls
  • *****
  • Beiträge: 1.712
  • Geschlecht: Männlich
Re: Fisto
« Antwort #16 am: 15.04.2013, 09:34:43 »
Schön, dass es hier auch weitergeht. Hat dich die Muse geküsst (oder der Cirenaj ;))?

Schönes Kapitel übrigens, eins deiner besten mMn. Gutes Wechseln zwischen Ians Gefühlen und der Action drum rum. Aber das eternische Schotten nicht trinken? Wie kommt das denn?^^

Offline bluecat9

  • Trade Count: (0)
  • Master of the Universe
  • *****
  • Beiträge: 1.375
  • Geschlecht: Weiblich
Re: Fisto
« Antwort #17 am: 09.06.2014, 22:13:12 »
Geheimnisse

Die Nacht war bereits weit fortgeschritten, als sich die drei Jugendlichen auf den Heimweg begaben. Die Gegend sah bei der späten Stunde noch unheimlicher aus. Trübes Mondlicht spiegelte sich in Pfützen, die Straße war schlecht gepflegt, es lag Unrat herum. Irgendwo schrie eine einsame Katze ihr Leid in die Welt hinaus. Keldor bewegte trotz der schlechten Sicht sicher, er war gewiss nicht zum ersten Mal hier. Ian fragte sich, wie ein Königssohn sich hier nur aufhalten konnte. Drei Gestalten, in Kutten gekleidet, lehnten an einer Hauswand und sahen kurz auf. Was sie besprachen, war sicherlich nicht für andere Ohren bestimmt. Ians Herz klopfte, das roch nach Ärger, nach einer weiteren Prügelei war ihm nicht zumute. Schon sprach der erste der Vermummten sie an:
„Na Bürschchen, so spät noch unterwegs? Müsst ihr nicht heim zu Mami?“ Wieder überraschte Miros Sohn den Rothaarigen. Er richtete sich auf, fixierte die drei Männer mit einem eiskalten Blick und schwieg. Sonderbarerweise zogen die drei die Köpfe ein und gingen raschen Schrittes davon. Oh ja, der Gar beherrschte die Spielregeln dieser Leute, wie es nur jemand vermochte, der hier aufgewachsen war.

„Wenn du die Straße bis zum Ende entlangläuft und dann links abbiegst, bist du wieder zu Haus“, meldete sich Kronis zu Wort. „Gute Nacht. Wir lassen von uns hören, wenn wir dich brauchen. Und falls du uns brauchst, zögere nicht, zu fragen. Wir sind immer für dich da, solange du dich als würdig erweist. Solltest du allerdings reden…“ Keldor zeigte eine eindeutige Geste. Ian nickte.  Sein Sinn stand ihm nicht nach weiteren Gesprächen.  Der Ingenieurssohn winkte den Kameraden kurz zum Abschied  und wankte Richtung Heimat. Der ungewohnte Alkohol nahm ihm den Gleichgewichtssinn, aber er verschonte ihn auch noch vor dem schlechten Gewissen. Eigentlich fühlte er sich richtig gut, frei und stark. Mit Schwung öffnete Ian die Gartentür und öffnete geräuschvoll die Haustür, was auch daran lag, dass er das Schlüsselloch erst nach mehreren Versuchen traf.

Im Bach, der durch den Garten der Familie McAllister lief, stand eine kleine Gestalt. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte Duncan, sein Bein zu kühlen. Die Schmerzen waren immer schlimmer geworden, der Abdruck des Stiefels auf seiner Haut schillerte mittlerweile grün-bläulich. Zum Glück hatte sein älterer Bruder nicht mitbekommen,  dass er sich aus dem Haus geschlichen hatte. Der hätte nur unangenehme Fragen gestellt. Das Kind seufzte leise. Der Junge hatte sonst keine Probleme, sich gegenüber Kameraden durchzusetzen. Duncan war zwar recht schmächtig, aber gewandt und hatte mehr Kraft als man ihm zutraute. Diesmal war der Fall allerdings schwieriger. Er wusste nicht, wie er sich gegen den Angreifer wehren sollte und ob er es überhaupt durfte. Es gab niemanden, mit dem er darüber hätte reden können. Sein Bruder würde einen Wutanfall kriegen und seinen Peiniger ohne Rücksicht auf Verluste verprügeln. Sein Vater würde erst gar nicht zuhören und sagen, dass er seine Probleme allein regeln müsse. Es war wirklich eine schwere Entscheidung. Duncan trocknete sich das verwundete Bein unter Schmerzen ab und humpelte ins Haus. Merkwürdig, die Tür stand offen. Hatte er vergessen, sie zu schließen? Im Hausflur stand sein Bruder und mühte sich redlich ab, seine Stiefel auszuziehen.
Der Jüngere sah den Älteren fassungslos an. „Wo kommst du her? Uh, du stinkst total! Lass dich nicht von Vater erwischen!“ Der Rothaarige hickste und grinste: „ Das Gleiche könnte ich dich fragen. In deinem Alter gehört man um Acht ins Bett. Aber wenn du mich nicht verrätst dann verrate ich dich auch nicht.“ Ian lachte angeheitert und erklärte:“ Das habe ich bei meinen Freunden gelernt.“ Das Kind musterte ihn irritiert. „Du hast doch gar keine Freunde“, stellte Duncan mitleidslos fest. „Doch habe ich. Vielleicht bist du nicht der einzige, der mit der Königsfamilie befreundet ist.“ Der Junge wurde bei dem Wort „Königsfamilie“ starr. Duncan sah zu Boden und murmelte: „Sei lieber leise, wenn Vater uns findet, dann haben wir keine gute Zeit. Geh nach oben und lege dich hin.“ Der Rothaarige grinste. „ Zu Befehl, Herr Hauptmann“, lallte er und verschwand im Zimmer. Der Jüngere blickte ihm fassungslos nach. So hatte er seinen Bruder noch nie erlebt. Offenbar war Randor nicht der Einzige, der sich zurzeit komisch benahm. Wenigstens waren die Eltern von ihrer Arbeit so erschöpft, dass sie von den Ausflügen ihrer Sprösslinge vorerst nichts wahrnahmen. Aber das war auch das einzig Gute.

Der nächste Tag sprang Ian an wie an Dämon, der sich unbarmherzig in seinem Kopf festkrallte. Gegen Morgen kamen die Alpträume, er sah den Mann, den er niedergeschlagen hatte am Boden liegen und mehr und mehr Blut floss aus seiner Kopfwunde, so viel, dass der ganze Boden schwamm. Keuchend erwachte der Jugendlich und sah sich panisch um. Doch hier war nur sein vertrautes Zimmer, alles war wie sonst, wenn man von der Tatsache absah, dass er in seinen Kleidern geschlafen und nun rasende Kopfschmerzen hatte.

Zur gleichen Zeit saß General Dekker der Bibliothekarin mit einem gewaltigen Kopfverband gegenüber. Ärgerlich musterte er die Frau, die sich mühsam das Lachen verbiss.
„Kannst du mir erklären, was so lustig an dieser Situation ist, Sue?“ Die dunkelhaarige Frau räusperte sich verlegen. „Entschuldige! Aber ein Kämpfer, der schon die schlimmsten Dämonen Eternias niedergerungen hat und sich dann von ein paar Schuljungen niederschlagen lässt, das ist doch irgendwie komisch!“ Der Soldat blickte sie finster an. „Tut mir Leid, dass ich deinen Humor im Moment nicht teilen kann. Wurde außer dem Werk von Hector sonst noch etwas gestohlen?“ Die Angestellte der königlichen Bibliothek schüttelte den Kopf. „Verdammt! Wir müssen diese Burschen kriegen, schnellstens. Wenn das Buch in die falschen Hände gerät, sind wir in größten Schwierigkeiten.“ Sue drückte den General energisch zurück auf seinen Sessel.
„Jetzt reg dich nicht so auf. Bisher spricht doch alles für einen dummen Jungenstreich. Tatsache ist, dass nur eine Handvoll Menschen Hectors Schriftzeichen überhaupt entziffern können. Ich wette, das Buch liegt in wenigen Stunden auf irgendeiner Müllhalde, weil sie es nicht verkaufen konnten. Du sagst doch selbst, dass nur Leute mit magischer Fähigkeit etwas damit anfangen können.“ Dekker schüttelte ärgerlich ihre Hand ab und rieb sich den schmerzenden Kopf. „Mein Gefühl sagt, mir dass er in die Sache verwickelt ist. Er ist magisch begabt, da bin ich mir sicher!“
Die Bedienstete schnaubte unterdrückt. „Jetzt mach aber mal einen Punkt, ja? Du leidest doch unter Verfolgungswahn! Du magst Keldor nicht, aber es gibt keine Beweise für deine Verdächtigungen. Ich muss sagen, dass der Junge äußerst höflich und korrekt auftritt, verwunderlich, wenn man bedenkt, wo er die ersten Jahre seines Lebens verbracht hat.“ Der Ausbilder schwieg eine Weile. „Der Bursche ist gerissen, das ist es. Er versteht es, die Leute für sich zu gewinnen und einzuwickeln. Wir werden noch gewaltige Schwierigkeiten mit ihm kriegen, wenn Miro ihm nicht bald Grenzen setzt und sich um ihn kümmert.“ Die Frau wechselte das Thema. Es gab Sachen, da konnten sie sich nicht einigen und jeder weitere Satz war überflüssig.
„Kannst du dich an das Aussehen der beiden erinnern? Irgendetwas, was uns weiterhilft, sie dingfest zu machen?“ Der Soldat murrte leise.“ Leider nein. Es waren zwei junge Männer in der Uniform der königlichen Leibwache. Die Gesichter konnte ich nicht erkennen, aber da war eine riesige rechte Hand…“ Sue zuckte zusammen. Offenbar hatte es den Kameraden doch schwerer erwischt als ursprünglich angenommen. „Ruh dich aus und denke später noch mal darüber nach, ja? Tut dein Kopf noch sehr weh?“ Dekker seufzte resigniert: „ Wenn du mir nicht glaubst, dann frage erst gar nicht. Ich weiß, was ich gesehen habe.“ Wortlos verließ die Bibliothekarin den Raum. Sie wollte den alten Freund nicht verletzen, doch mit diesem Hinweis war nichts anzufangen.
Wo sollte man nach einer riesigen Hand suchen?


« Letzte Änderung: 09.06.2014, 22:40:38 von bluecat9 »

Offline Capeträger

  • Trade Count: (0)
  • Leibwache des Königs
  • *****
  • Beiträge: 849
Re: Fisto
« Antwort #18 am: 10.06.2014, 16:52:09 »
Gefällt mir sehr gut, inhaltlich wie sprachlich.

Offline bluecat9

  • Trade Count: (0)
  • Master of the Universe
  • *****
  • Beiträge: 1.375
  • Geschlecht: Weiblich
Re: Fisto
« Antwort #19 am: 21.06.2015, 21:34:39 »
Der Tag danach

Ian war noch ganz damit beschäftigt, richtig wach zu werden, als ihn ein energisches Klopfen an der Tür in die Wirklichkeit zurückholte. Seine Mutter wollte ihn wecken, damit er rechtzeitig zum Dienst kam. Sie wusste ja nicht, dass er noch einen Tag „freigestellt“ war. Duncan hob den Kopf. „Soll ich sie ablenken, damit du in der Zwischenzeit den Schlafanzug anziehen kannst? Und iss etwas Zahnpasta, du stinkst nämlich nach Bier!“ Der Ältere schüttelte den Kopf. „Ist eh zu spät. Ist auch egal, ich gehe nie wieder in die Werkstatt.“ Der Jüngere schaute verdattert. „Und was willst du dann machen? Du musst doch Geld verdienen!“ „Das ist meine Sache...“  In diesem Moment flog die Tür auf und Alice McAllister betrat das Zimmer. Sie war klein gewachsen, eher hager, mit dichten dunklen Haaren und schwarzen Augen. Der Frau kam ein Schwall aus Bierdunst, Schweiß und verbrauchter Luft entgegen. Zornig keifte sie ihren älteren Sohn an: „Du hast getrunken.“
Der Rothaarige zuckte provozierend die Schultern: „Na und?“ Mochte der Alkohol auch Kopfweh und Übelkeit verursachen, etwas von der Selbstsicherheit, die ihm das Zeug gestern beschert hatte, war immer noch da. Ian fühlte sich überlegen und hatte keine Angst mehr, seinen Eltern gegenüberzutreten. Seine Mutter holte tief Luft und  rang um Fassung. „Du wäschst dich augenblicklich und gehst zum Dienst! Wer Trinken kann, kann  auch arbeiten!“
Duncans Bruder richtete sich auf. Er überragte seine Mutter mittlerweile um mehrerer Köpfe.
„Ich gehe nicht in diese dämliche Werkstatt und lass mich weiter von den Blödmännern da auslachen. Ich werde Soldat der königlichen Armee!“
Alison war fassungslos. Sie und ihr Mann hatten hart gearbeitet, um den Jungen eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Um ihnen den Dienst als Soldat zu ersparen. Und jetzt warf Ian dies alles weg und wollte sich freiwillig melden?
„Ich glaube nicht, dass du Soldat werden willst“, meldete sich Duncan zu Wort. „Die dürfen nämlich gar keinen Alkohol trinken, müssen morgens wahnsinnig früh aufstehen und sich den ganzen Tag anschreien lassen.“  Zum ersten Mal waren sich Mutter und Sohn an diesem Morgen einig. „Halt den Mund und mach dich für die Schule fertig!“ brüllte Ian und Frau McAllister unisono. „Kinder werden hier immer unterdrückt“, muffelte der Kleine und machte sich auf den Weg ins Bad.
Alison wurde nervös. Sie musste in wenigen Minuten selbst zum Dienst und hatte keine Ahnung, wie sie ihren schwierigen Sohn zum Arbeitsantritt bewegen sollte. Schließlich siegte ihr Pflichtgefühl. Die Tätigkeit in der Waffenschmiede bedeutete ihr viel, sie war eine der ersten Frauen dort, die eigene Ideen entwickeln durften und nicht nur als einfache Aufgaben übernahmen. Ians Mutter griff nach dem letzten Druckmittel, das ihr blieb: „Wenn du jetzt nicht zur Arbeit gehst, wird dein Vater dir etwas erzählen! Dann wirst du dir wünschen, du wärst freiwillig in die Waffenschmiede gegangen!“ Der Rothaarige legte sich aufreizend langsam wieder ins Bett und drehte der Ingenieurin den Rücken zu. Ein Blick auf die Uhr zwang die Frau, zu gehen. Der Jugendliche wartete, bis die Schritte verklangen waren. Sollte er Keldor und seine Freunde bitten, bei ihnen eine Weile untertauchen zu können? Er entschied sich dagegen. Vielleicht war es gut, dass endlich mal alles ausgesprochen wurde. Arthur und Ian sahen sich nicht nur äußerlich ähnlich, beide waren hoch gewachsen und rothaarig, sondern hatten beide auch das gleiche hitzige Temperament. Die Auseinandersetzung stand unter keinem guten Stern.

Ians Gedanken wurden unterbrochen, als sein kleiner Bruder nochmals die den Kopf zur Tür hineinstreckte. Er wirkte ernst und vernünftig, manchmal hatte man den Eindruck, er würde auf seinen älteren Bruder aufpassen und nicht umgekehrt.
„Willst du nicht doch zur Arbeit gehen und dich bei Mutter entschuldigen?“ Als Antwort flog ihm ein Kopfkissen entgegen. Das Kind seufzte, packte den Ranzen und machte sich auf den Weg. Normalerweise hätte Duncan versucht, den Abend bei Randors Familie zu verbringen um  dem unvermeidbaren Streit zu Hause aus dem Weg zu gehen. Aber das war zurzeit nicht möglich. Nicht, solange sich sein Freund so komisch benahm. Der Tritt, den Randor ihm  verpasst hatte, war hart und schmerzhaft gewesen. Sein Freund hatte nur Minuten später abgestritten, überhaupt zugetreten zu haben. Als wäre er ferngesteuert gewesen. Duncan wusste, dass es auf Eternia Menschen gab, die magisch begabt waren und anderen ihren Willen aufzwingen konnten.  Da solche Leute gefährlich werden konnten, wurden sie von den einfachen Bürgern meist gemieden. Aber in der Königsfamilie gab es niemanden mit solchen Fähigkeiten. Oder etwa doch?




« Letzte Änderung: 21.06.2015, 21:38:24 von bluecat9 »