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  • 26.09.2018, 11:53:04

Autor Thema: Fisto  (Gelesen 4669 mal)

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Offline bluecat9

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Fisto
« am: 06.11.2011, 17:25:19 »


Die Schwerter der beiden Ausbilder schlugen klirrend gegeneinander. Ian McCallister, der älteste Sohn einer der führenden Ingenieure des Königs zog den Kopf ein. Er erkannte bereits am Klang der Waffe, die er hergestellt hatte, dass etwas nicht stimmte. Er würde nur noch eine Frage von Sekunden sein, bis das Unvermeidlich passierte.

Der kräftige, rothaarige Junge hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gebracht, als es geschah: Das Schwert des einen Kämpfers zerbrach beim nächsten Hieb in zwei Teile. Der
Angreifer ließ sofort vom Unterlegenen ab, ein realer Feind hätte die Schwäche mit Sicherheit ausgenutzt. Die anderen Lehrlinge hielten den Atem an. Ian wünschte sich weit fort, für einen Moment vergaß er, seine missgebildete Hand unter seinem Umhang zu verbergen. Sie war keine Entschuldigung für sein Versagen, denn abgesehen von dem grotesken Aussehen war seine Hand vollkommen funktionstüchtig. Sie hatte ihm nur viel Spott eingebracht, rote Haare waren schon schlimm genug, damit fiel man immer auf, aber diese Riesenflosse machte es endgültig unmöglich, in der Masse unterzutauchen.

„Von wem stammt dieses Meisterwerk?“, forschte der Lehrer und hielt die leere Klinge für alle gut sichtbar in die Höhe. Ian gab sich einen Ruck: „Von mir, Sir. Ich habe wohl die Metallanteile für die Legierung falsch berechnet. Es tut mir Leid…“
Der erwachsene Mann schüttelte den Kopf: „Es ist ja schön, dass dir das Leid tut. Was meinst du, wie Leid es dir tun würde, wenn einer unserer Leute wegen deinen minderwertigen Waffen ernsthaft verletzt oder getötet wird? Ich fürchte, ich muss mich doch noch mal mit deinem Vater unterhalten, ob du in der Waffenschmiede wirklich gut aufgehoben bist. Und jetzt feg den Hof!“ Der rothaarige Lehrling wollte sich gerade fügen, als er das Getuschel vernahm. „Das Riesenbaby hat doch den Verstand einer Stubenfliege! Warum seine Hand so groß ist, was meint ihr wohl? Vielleicht gibt es ja doch eine Sache, die er richtig machen kann…“ Daniel, der Musterschüler unter den Lehrlingen der Waffenschmiede, lachte dreckig. Ian fühlte die Wut in sich aufsteigen, er war absolut machtlos dagegen. Dass man ihn nicht für sonderlich klug hielt, gut, das ging noch irgendwie in Ordnung, es stimmte ja. Aber dass man ihn immer und immer wieder wegen dieser verdammten Hand aufziehen musste, war ihm unerträglich. Er hatte sich es nicht ausgesucht und er konnte es doch nicht ändern!
Im nächsten Moment fasste der kräftige Junge Daniel beim Kragen und warf ihn zu Boden.
„Soll ich dir zeigen, wozu solch ein große Hand noch nützlich ist, ja?!“, drohte er seinem Gegner. Der hochgewachsene drahtige Blonde ließ sich nicht einschüchtern.  Wenn der Vater Ians kein Techniker des Königs gewesen wäre, wäre er niemals in die Lehrwerkstatt aufgenommen worden. „Versuche es doch, wenn du dich traust, Fisto!“, provozierte Dan, obgleich er am Boden lag. Der Rothaarige reagierte auf den ungeliebten Spitznamen wie ein gut dressierter Hund. Blind vor Wut schlug er auf sein Opfer ein, es war ihm egal, ob die Ausbilder anwesend waren, es war ihm egal ,ob er den Unterlegenen verletzte. Er wollte sich rächen, rächen dafür, dass ihm die Arbeit so schwer fiel, rächen dafür, dass er so anders aussah und war als die anderen.

Im nächsten Moment riss einer der Ausbilder beide Jugendlichen auseinander. Dan lief das Blut aus der Nase, Ians Auge hatte einen kräftigen Schlag abbekommen und färbte sich bereits bläulich. Der erwachsene Soldat schüttelte den rothaarigen Jungen heftig durch.
„Bist du noch bei Sinnen, einen der eigenen Kollegen anzugreifen?! Du gehst heim, du brauchst die nächsten drei Tage nicht zum Unterricht erscheinen!“
„Er hat angefangen! Er soll mich nicht so nennen, das weiß er genau!“, schrie der Sohn des Ingenieurs hilflos. Der Ausbilder musterte ihn kalt. „Du wirst wegen der Widerworte vier Tage vom Unterricht ausgeschlossen. Geh heim, ich will dich hier nicht mehr sehen. Wie du das deinem Vater beibringst, ist dein Problem!“

Ian trollte sich, ohne ein weiteres Wort. Er fühlte sich ungerecht behandelt, obwohl er genau wusste, dass es falsch gewesen war, Dan anzugreifen. Ein Soldat musste sich in jeder Lage selbst beherrschen können. Hiervon war er noch weit entfernt.

Noch schlimmer war der Gedanke an seinen Vater. Arthur McCallister hatte seinem ältesten Sohn die roten Haare, die kräftige, körperliche Gestalt und das ungeduldige Temperament vererbt. Sein handwerkliches Geschick und seine Kreativität waren allein auf den jüngeren Bruder übergegangen. Duncan wies zudem die braunen Haare und die dunklen Augen der Mutter auf. Manchmal erinnerte er Ian an eine Dohle, klein, schwarz und klug.  Der Kleine hatte natürlich auch zwei ganz normale Hände. Oft kam es dem Älteren so vor, als hätte er alles Schlechte bekommen und der Jüngere alles Gute. Als sei er selbst ein misslungenes Experiment seiner Eltern.

Ein kurzer Zuruf riss ihn aus seinen Gedanken.
„Hey! Warte doch mal!“
Ian drehte sich erstaunt um. Vor ihm stand ein junger Mann, der etwa sein Alter haben musste. Die blaue Hautfarbe verriet, dass er vom Stamm der Gar war, seine Kleidung, dass er zu einem Schwertkämpfer ausgebildet wurde.
„Was ist?“, murrte der Lehrling der Waffenschmiede sein Gegenüber an. Wenn der auch auf Streit aus war, dann nur zu! Auf einen Verweis mehr oder weniger kam es nun auch nicht mehr an…
„Du bist stark.“, bemerkte der Fremde in anerkennendem Ton.
„Danke. Sonst noch was?“
„So jemanden wie dich könnten wir gut gebrauchen. Wenn du Mut hast, dann komm doch morgen einfach zu diesem Treffpunkt.“ Der Blauhäutige drückte Duncans älterem Bruder einen Zettel in die Hand. Dieser sah in verblüfft an.
„Ich bin Keldor, Sohn des Miro und künftiger Herrscher Etnernias. Aber ein guter Anführer ist nichts wert ohne tüchtige Mitstreiter, deshalb bin ich immer auf der Suche nach fähigen Leuten. Komm doch einfach vorbei, falls du mehr wissen willst!“

Mit dieser Aufforderung verschwand sein Gegenüber Richtung Truppenübungsplatz. Ian wunderte sich noch immer. Dieser Gar hatte äußerlich so viel Ähnlichkeit mit König Miro wie eine Kuh mit einem Rasenmäher. Ob er ein Spinner war? Andererseits, wer glaubte ihm schon, dass er der Sohn des berühmten Arthurs McCallisters war? Er würde zum Treffpunkt gehen und herausfinden, was es mit diesem Keldor auf sich hatte. Zeit hatte er ja jetzt die Tage genug.


Offline Motuwahn

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Re: Fisto
« Antwort #1 am: 07.11.2011, 09:32:52 »
Schöner Anfang, bin gespannt, wie es weiter geht.
Werden wir Keldor's Mama kennenlernen ;)

Offline bluecat9

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Re: Fisto
« Antwort #2 am: 07.11.2011, 13:30:18 »
@Werden wir Keldors Mama kennen lernen? Nö! Die hat ihren Auftritt schon gehabt, mehr kriegt sie nicht. :D

Offline Motuwahn

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Re: Fisto
« Antwort #3 am: 07.11.2011, 15:18:12 »
Schade, hatte gehofft, wir erfahren, wie sie so trinkfest geworden ist, daß sie selbst Fisto unter den Tisch trinkt. Aber der ist ja momentan auch noch weit davon entfernt. Ich bleibe gespannt.

Offline Ascalon

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Re: Fisto
« Antwort #4 am: 07.11.2011, 17:04:53 »
Es gibt Schotten auf Eternia?  :kratz:

Jaja, ich weiß, faktisch ist Duncan auch ein schottischer Name, aber McCallister ist dann doch ein anderes Kaliber als das.  :icon_wink:

Offline bluecat9

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Re: Fisto
« Antwort #5 am: 08.11.2011, 13:27:03 »
@Schotten auf Eternia: Du ahnst nicht, wo die überall rumlaufen!  :D
Im Ernst, der Name gefiel mir einfach, er hat keinen Einfluss auf die Geschichte.
Es hätte auch Müller, Meier oder Schulz sein können. Ich finde alleridngs, dass Fisto ein bisschen Ähnlichkeit mit dem schottischen Hausmeister Willie von den Simpsons hat.

@trinkfeste Mutter: Nee, dies ist keine Satire, das passte nicht.

Offline bluecat9

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Re: Fisto
« Antwort #6 am: 26.02.2012, 20:51:17 »
Vorbereitungen

Zu Hause erwartete Ian niemand. Der jüngere Bruder war noch in der Schule, die Eltern arbeiteten beide im Labor. Die Arbeit, das gemeinsame Interesse an der Entwicklung neuer Waffen, war das einzige, was Arthur und Alison Mc Allister zu verbinden schien. Der rothaarige Junge hatte sich oft gefragt, wie sich seine Eltern überhaupt nahe genug gekommen waren, um eine Familie zu gründen. Es ging ihnen nicht schlecht, doch spielten Disziplin, Arbeit und der gute Ruf der Familie die Hauptrolle. Das Familienklima war kalt, auch wenn es Außenstehenden nicht unbedingt sofort auffiel. Duncan nützte seine Intelligenz scheinbar recht wenig. Sicher, seine Lehrer waren voll des Lobes, doch er hatte so gut wie keine Freunde. Arthur war die Begabung seines Jüngsten anscheinend unheimlich, er behandelte den Kurzen strenger als es nötig war. Der kleine Bruder war ein Musterknabe, andere Eltern wären vermutlich stolz gewesen, solch ein Kind zu haben.

Wieder spielte Ian mit dem Zettel, den ihm Keldor zugesteckt hatte. Ob er tatsächlich ein Königssohn war? Duncans älterer Bruder grinste bei dem Gedanken, dass er sich mit Adeligen treffen würde. Dann hätten seine Eltern zumindest nichts mehr an seinem Umgang auszusetzen. Das Klacken des Türschlosses riss ihn aus seinen Gedanken. Seine Mutter? Jetzt schon?

„Es ist völlig ungerecht, dass ich nach Hause muss. Ich habe überhaupt nichts gemacht!“, hörte er seinen kleinen Bruder quengeln.
„Hör mal, du hast beinahe die Schule angezündet! Das nennst du „nichts gemacht“? Deine Lehrerin hat absolut recht, dich nach Haus zu schicken!“, fauchte seine Mutter.

Hatte das Goldkind etwas angestellt? Den Tag müsste man ja glatt im Kalender anstreichen. Dem Jugendlichen blieb keine Gelegenheit, sich zu freuen. Alison hatte ihren Ältesten schon entdeckt und zog ärgerlich die Brauen zusammen.
„Du bist  hier? Habt ihr schon Feierabend?“
Ian errötete. „Ja, könnte man so sagen. Hast du vielleicht ein Pflaster für mich?“ Duncan nahm die Gelegenheit wahr, von seiner eigenen Missetat abzulenken.
„Rausgeflogen ist er, weil er Dan verprügelt hat. Ich weiß das von Randor!“
„Halt die Klappe, du kleine Pest!“, brüllte der Ältere.
„Ruhe!“, donnerte die Ingenieurin. Für eine Frau ihrer Größe konnte sie erstaunlich laut schreien. „Ian, ist das wahr?“ Der ältere Junge senkte den Kopf. Das war Alison Antwort genug. Sie atmete durch. „Gut, dann bleibt ihr eben beide hier. Das habt ihr euch selbst zuzuschreiben!“
„Das ist ungerecht! Es war bloß ein kleines Experiment. Ich wollte nicht, dass es brennt“, murmelte der Kleine verbissen. Ein Blick seiner Mutter brachte ihm zum Schweigen.
„Ian du bleibst hier und passt auf ihn auf. Meine Güte, was habe ich mit Euch nur falsch gemacht? Warum habe ich keine Töchter? Die wären jedenfalls nicht rauflustig und zerstörungswütig…“ Beide Jungen wussten, dass es besser war, zu schweigen. Ian wartete, bis ihre Mutter wieder gegangen war. Klar, dass er nicht mit Duncan hierbleiben würde. Mit Drohungen kam man bei dem Kurzen nicht weiter, er war zu klug und wusste, dass sein Bruder ihn nicht verprügeln würde. Bestechung war hier der einzige Weg, um weiter zu kommen.
„Warum wolltest du die Schule anzünden?“, erkundigte sich der Rothaarige lauernd. Der Jüngere sah zu Boden. „Wollte ich doch gar nicht. Nie hört ihr mir zu. Ich und Randor wollten versuchen, eine Speerspitze im Feuer zu härten. Auf einmal ist das Feuer immer größer geworden und Mrs. Miller hat furchtbar geschrien. Geschimpft hat sie nur mit mir, Randor ist ja Königssohn, da traut sie sich nicht“.

Ian nickte geduldig. Nun war es Zeit, den Kleinen zu packen.
„Wenn du mich gehen lässt und unseren Eltern nichts sagst, dann lasse ich dich die Waffenschmiede des Königs sehen. Aber nur, wenn du dich benimmst.“ Duncans dunkle Augen richteten sich misstrauisch auf den älteren Bruder. „Ehrlich?“
„Ehrlich. Wenn du den Mund hältst. Sonst nicht. Oder hast du Angst, hier allein zu bleiben?“
Die Provokation zog immer. „Ich habe vor überhaupt nichts Angst. Du kannst gerne gehen.“
Ian nickte. Der Nachmittag bei Keldor war gesichert. „Gut. Ich verlasse mich auf dich. Brüder müssen immer zusammenhalten! Und keine Experimente, wenn ich weg bin.“ Die Aussicht auf einen Besuch in der Waffenschmiede verwandelte die kleine Pest augenblicklich in ein Lämmchen. Duncan nickte brav und verzog sich mit einem Abenteuerbuch in sein Zimmer.
Ian schloss die Haustür hinter sich und machte sich auf den Weg in den Königspalast. Ob dieser Gar die Wahrheit gesagt hatte?



« Letzte Änderung: 26.02.2012, 21:01:57 von bluecat9 »

Offline bluecat9

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Re: Fisto
« Antwort #7 am: 26.02.2012, 21:10:26 »
Habe mal die Gelgenheit genutzt, weiter zu schreiben. Ich hoffe, es stört nicht, dass ich den ehrwürdigen Waffenschmied als kleines Aas dargestellt habe. Ja, ich habe mehrere jüngere Geschwister!  :icon_mrgreen:
Kleine Brüder können durchaus mal eine Plage sein.

Offline Motuwahn

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Re: Fisto
« Antwort #8 am: 27.02.2012, 13:46:34 »
Schön und ich hoffe, daß die nächste Fortsetzung nicht gaaaanz so lange auf sich warten lässt.

Offline Half-Eye

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Re: Fisto
« Antwort #9 am: 27.02.2012, 17:59:41 »
Kleine Brüder können durchaus mal eine Plage sein.

Genauso wie ältere Brüder.

Offline Motuwahn

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Re: Fisto
« Antwort #10 am: 28.02.2012, 08:52:16 »
Genauso wie ältere Brüder.

Also ältere Brüder sind das Beste, was es gibt auf der Welt. ;)

Offline bluecat9

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Re: Fisto
« Antwort #11 am: 28.02.2012, 14:31:03 »
Weiß ich nicht, ich bin die Älteste zu Hause!  :D Keine Ahnung, ob ältere Geschwister auch nerven. (Wenn ich meiner Schwester glauben soll, dann neigen ältere Geschwister zur Besserwisserei!)

Offline bluecat9

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Re: Fisto
« Antwort #12 am: 18.03.2012, 16:13:11 »
 Im Königspalast

Etwas nervös begab sich Ian zum vereinbarten Treffpunkt. Er legte keinen Wert darauf, Bekannte oder Kollegen zu treffen. Dann wäre er wieder Erklärungen schuldig, außerdem war die Gefahr groß, dass seine Eltern von dem Ausflug erfahren würden. Ein Lob dafür, dass er den jüngeren Bruder allein gelassen hatte, konnte er nicht erwarten. Welches Gewese sie immer um Duncan machten. Wer alt genug war für gefährliche Experimente, der war auch alt genug,  um mal eine Weile allein zu bleiben, oder?

Keldor war nicht am vereinbarten Treffpunkt. Der rothaarige Junge sah sich suchend um. Also doch ein Schwätzer! Hätte er sich ja denken können. Duncans Bruder spuckte verächtlich aus und wollte gerade gehen, als wie aus dem Boden gewachsen der junge Gar vor ihm stand. Der ältere Königssohn grinste breit, den Schock, dem er seinem Gegenüber verpasst hatte, bereitete ihm sichtlich Spaß.

„Wie, wie hast du das gemacht?“, stotterte Ian perplex. Er vergaß ganz, dass er eigentlich nicht besonders interessiert scheinen wollte. Keldor lächelte herablassend. „Das ist mein Geheimnis.  Lass das bitte  sein, das ist albern.“ Der Rothaarige verstand nicht. „Was ist albern?“
„Dass du deine Hand versteckst. Erstens sieht es sowieso jeder, dass sie zu groß ist und zweitens solltest du stolz darauf sein. Es macht dich zu jemandem, der besonders ist. Und drittens ist mir das nicht wichtig. Für mich zählen andere Dinge, als das Äußere.“

Noch nie hatte jemand derart nüchtern über seine missgebildete Hand gesprochen. Kein Nachforschen, warum es so war, kein angeekelter oder erstaunter Blick.  Es war einerseits angenehm, andererseits machte es den Ingenieurssohn misstrauisch.

„Welche Dinge findest du denn wichtig, wenn dir das Äußere so egal ist?“, forschte Ian herausfordernd. Keldor blieb absolut ruhig. Er wartete einen Augenblick mit der Antwort.
„ Mut, Stärke und Entschlossenheit. Das wichtigste ist aber absolute Loyalität. Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich! Entweder oder! Dazwischen gibt es nichts!“

Den rothaarigen Jungen überkam ein Unbehagen. Er konnte sich nicht erklären, warum. Gehorsam wurde auch in der Ausbildung, Zuhause und in der Schule gefordert. Das war eigentlich  nichts Neues. Dort waren es allerdings keine Gleichaltrigen, denen er gehorchen sollte.  Der Gar schien seine Gefühle zu erahnen, denn er lachte plötzlich aufmunternd und schlug ihm leicht auf der Schulter. „Entspann dich mal. Ich stelle dich meinen anderen Leuten vor, dann kannst du dich immer noch entscheiden, ob du dazugehören willst. Wir können dann ebenfalls sehen, ob du zu uns passt. Jeden nehmen wir nämlich nicht auf!“  Der Königssohn gab ihm ein Zeichen, dass er ihm folgen sollte und schritt zielsicher davon. Ian folgte nach einigem Zögern. Der Fremde hatte nicht gelogen, er kannte sich hier aus. Den Wachen genügte eine kurze Geste, dann grüßten sie und traten zurück. Duncans Bruder war fasziniert. Sicher, er kam aus keinem ärmlichen Haus, aber mit der Größe und dem Prunk eines Schlosses konnte sein Heim nicht mithalten. Keldor wies auf einen großen Raum am Ende des Ganges. „Dort treffen wir uns immer. Mein Vater erlaubt uns, dass wir den alten Konferenzsaal nutzen.“ Ian nickte beeindruckt. „Du musst deinem Vater viel bedeuten, wenn er dir das erlaubt.“ Zum ersten Mal verlor der junge Gar seine Selbstsicherheit. Er schaute zu Boden und sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich. Der Rothaarige hatte das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben, auch wenn er nicht wusste, warum. Der Blauhäutige brauchte nur Sekunden, um sich zu fangen. „Selbstverständlich bedeute ich meinem Vater viel. Warum auch nicht? Immerhin bin ich künftiger Thronerbe! Und du? Du müsstest das ja eigentlich verstehen, immerhin wirst auch du mal die Nachfolge deines Vaters antreten!“ Ian fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss, er zog es vor, zu schweigen. Keldor nickte zufrieden. Anderer Leute Schwachstellen aufzuspüren, war leicht für ihn, egal ob in einer Diskussion oder auf dem Schlachtfeld. Für sein Vorhaben brauchte er einen starken, nicht allzu klugen Kameraden. Kronis wurde für andere Aufgaben gebraucht, bei dem jungen Mann aus dem Waldvolk hakte es bisweilen an dessen Gehorsam. Er war zu klug und durchschaute, wenn man ihn ausnutzen wollte. Noch jedenfalls...das musste ja nicht ewig so bleiben. Der Königssohn öffnete die Tür und deutete auf mehrere junge Männer in ihrem Alter und ein Mädchen. „Das sind meine Leute!“, stellte er die Truppe vor. Mit einem hatte er Recht gehabt. Er achtete wirklich nicht auf das Aussehen seiner Kumpel, wenn man von dem Mädchen mit dem arroganten Gesichtsausdruck mal absah. Ein Halbprimat aus einem Waldvolk, mehr Affe als Mensch, obwohl er sich sehr gewählt ausdrücken konnte. Ein paar Leute aus dem ehemaligen Königreich Zelessia. Ein Fischer mit krummen, gelben Zähnen. Und ein anderer Gar, der sich als Kronis vorstellte und hier offensichtlich eine besondere Rolle spielte. Kronis musterte Ian von Kopf und Fuß, wandte sich an Keldor und fragte knapp: „Und? Hat er bereits bestanden?“ Nun wurde es dem Rothaarigen zu bunt.
„Was bestanden? Könntet ihr mal deutlich mit mir reden?“ Der orange Halbprimat lächelte Duncans Bruder aufmunternd zu. „Du musst Keldor erst beweisen, dass du für uns ein kleines Risiko eingehen würdest. Diese Mutprobe ist Vorraussetzung für den Beitritt zu unserer Bewegung!“ Ian verstand nicht:“ Ein kleines Risiko? Was zum Teufel meint ihr damit?“



Offline bluecat9

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Re: Fisto
« Antwort #13 am: 15.07.2012, 16:59:13 »
Die Mutprobe

„Hast du jemals von dem großen Magier „Hektor“ gehört?“, forschte Keldor mit ruhiger, herablassender Stimme. Ian schüttelte den Kopf. Magier fand er nicht sonderlich spannend. Sie galten in seiner Umgebung als Sonderlinge, die man besser mied. „Er hat ein paar sehr interessante Bücher geschrieben. Zwei von gehörten mir, bis meine überbesorgte Stiefmutter meinte, sie mir wegnehmen zu müssen. Sie sind nun in unserer geheimen Bibliothek und ich komme nicht mehr an sie heran.“ Der rothaarige Junge verlor das Interesse endgültig. Damit beschäftigte sich der Geheimbund des künftigen Königs? Mit Büchern und irgendwelchen spleenigen Ideen von Magie? Da war es ja in der Werkstatt aufregender.
„Und? Was habe ich damit zu tun?“, fragte Duncans älterer Bruder gelangweilt.
„Du wirst sie mir zusammen mit Kronis wiederbeschaffen. Das ist deine Aufgabe! Unterschätze sie nicht, diese Abteilung der Bibliothek ist gut bewacht. Kronis kümmert sich um die Werke, du passt dafür auf, das alles glatt läuft!“

„Ich soll also Schmiere stehen, während dein Kumpel klaut? Vergiss es!“ Ian wandte sich zum Gehen um, als sich der junge Gar ihm abermals in den Weg stellte. Widerspruch schien er nicht gewöhnt zu sein.
„Wer redet von „Stehlen“? Ich will lediglich mein Eigentum zurück, das ist alles! Schade, ich hätte dich für mutiger gehalten. Aber Leute, die sich drücken, kann ich nicht brauchen. Eben so wenig, wie man bei der Wache des Königs Feiglinge brauchen kann. Die müssen schon Einsatz zeigen, um anderen zu ihrem Recht zu verhelfen!“ Der kräftige rothaarige Junge horchte auf. Soldat zu sein, vielleicht sogar ein Schwertkämpfer, das war etwas anderes, als sich jeden Tag aufs Neue in der Werkstatt zu blamieren. Vielleicht war er nicht geschickt, vielleicht war er nicht klug, aber stark und sportlich, das war er durchaus. Ob Keldor ihm helfen konnte, Soldat zu werden? Immerhin war er Königssohn! Zufrieden bemerkte der Prinz, dass der Rothaarige den Köder geschluckt hatte. Menschen waren doch so einfach zu durchschauen. Man musste ihnen nur versprechen, was sie sich am meisten wünschten, schon benahmen sie sich wie gut dressierte Hündchen.

„Wenn du mir hilfst, wird es nicht zu deinem Schaden sein. Wie gesagt, wenn man Eigentum zurückholt, ist das ja kein Unrecht! Also?“ Der künftige Herrscher Eternias sah Ian erwartungsvoll an. Seine Gefolgsleute hielten sich zurück, nur Kronis schien alles andere als begeistert zu sein. „Lass ihn doch. Er passt nicht zu uns…“begann er, doch ein böser Blick Keldors ließ ihn wieder verstummen. Die letzte Provokation brachte den Ingenieurssohn endgültig dazu, zuzustimmen. „Wann und wo soll die Aktion starten?“
Der Prinz grinste. Er bekam immer, was er wollte. „Sei heute um Mitternacht an der Palastmauer. Da bekommst du weitere Anweisungen. Solltest du dich mehr als 10 Minuten verspäten, bis du raus. Überlege es dir gut, ein zweites Mal erhältst du die Chance nicht, dass du dich uns anschließen kannst.“ Ian nickte. Die Versammlung löste sich auf, die jungen Männer gingen ihrer Wege, nur das arrogante Mädchen und Kronis blieben.
„Ich habe da noch eine ganz besondere Formel von meinem Vater. Möchtest du sie sehen? Sie ist sicherlich sehr nützlich!“, bot die weißblonde junge Frau mit gekonntem Augenaufschlag an. Keldor lehnte weder ab, noch willigte er eindeutig ein. „Wenn ich Zeit habe, Evelyne, wenn ich Zeit habe.“ Dann eilte auch er den Flur herunter. Evelyne starrte enttäuscht hinterher. „Was glotzt ihr so blöde? Habt ihr nichts Besseres vor?“, fauchte sie die beiden Übriggebliebenen an. Zur Überraschung beider lief sie Keldor in langen Sätzen nach. „Sie lernt es nie! Mädchen!“, grinste Kronis amüsiert. Dann wurde er ernst. „Überlege dir, ob du kommst. Noch hast du die Wahl. Kannst kommen, gehen und handeln, wie du willst.“ Ian verstand nicht. „Rede doch kein Blech. Ich bin frei! Ich kann immer tun, was ich will! Wer sollte mich hindern?“ Der Blauhäutige gab ein verächtliches Schnauben von sich. „Du kapierst es nicht, oder? Unterschätze Keldor nicht. Seine Macht ist groß.“
Ian ballte die übergroße rechte Hand. „Vielleicht. Aber meine Faust ist auch groß. Ich lasse mich nicht zwingen. Von niemandem!“
„Du willst nicht begreifen. Gut, dann lass es! Dann sehen wir uns wohl heute um Mitternacht!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich auch der junge Meisterdieb. Ian blieb allein zurück Unbehagen überkam ihn, doch er versuchte, es zu ignorieren. Die größte Schwierigkeit war nun, sich unbemerkt aus dem Haus zu schleichen, ohne dass sein kleiner Bruder etwas bemerkte.  Der Kleine hatte einen Schlaf wie ein Terrier und wachte beim kleinsten Geräusch auf.


Offline Cirenaj

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Re: Fisto
« Antwort #14 am: 24.07.2012, 00:02:00 »
Die Masters als Kinder.  :)

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