He-Man.de17.05.2012
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Episode 29 - Die Rückkehr des Jägers

„Das erste Schlachtfeld eines Soldaten

Ist immer sein eigener Verstand.“

- Randor, König von Eternia

 

„Das kann unmöglich dein Ernst sein, Vater!“ Adora nahm fassungslos auf ihrem Bett platz.

In den vergangenen Wochen hatte sie sich überraschend schnell an das Leben im Palast gewöhnt. Mittlerweile schien es ihr manchmal so, als habe sie nie irgendwo anders gelebt. Es klang absurd, da sie noch ein Säugling gewesen war, als Hordak sie entführte, dennoch spürte sie, dass der Palast von Eternis ihr wahres Zuhause war. Nach wie vor gab es aber auch Momente, in denen sie sich wünschte, ihr kleines Dorf nie verlassen zu haben. Dies war einer von ihnen.

Randor hatte seine Tochter in ihren Gemächern aufgesucht, um ihr mitzuteilen, dass er einen Leibwächter für sie beauftragt hatte. Ein Beschützer, der Adora rund um die Uhr bewachen sollte. Dies stieß bei der Königstochter auf alles andere als Begeisterung. Nicht nur wegen ihrer geheimen Doppelidentität als She-Ra, sondern auch wegen ihrer eingeschränkten Freiheit im Allgemeinen.

„Ich kann auf mich selbst aufpassen.“, warf Adora ihrem Vater an den Kopf. Überrascht von ihrem starken Selbstvertrauen hielt sie kurz inne. Es war unglaublich, wie die Verantwortung, die sie nun als She-Ra trug, sie verändert hatte. Es war noch gar nicht so lange her, da war Selbstvertrauen für sie ein Fremdwort gewesen. Sie war also mit Recht stolz darauf, dass dies sich nun geändert hatte. Durch einen Leibwächter jedoch fürchtete Adora in frühere Verhaltensmuster zurückzufallen und sich ganz und gar auf jemand anderen zu verlassen. Sie dachte dabei an ihre tote Freundin. Zu deren Lebzeiten hatte Adora sich geistig so sehr an sie geklammert, dass dabei ihre eigenen Träume und Wünsche in den Hintergrund gerückt waren.

„So hör mir doch zu, mein Kind.“ Aufrichtige Sorge stand Randor ins Gesicht geschrieben. „Dieses Monster, das He-Man besiegt hat, terrorisiert Dörfer und Städte in der Umgebung. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er auch in der Hauptstadt sein Unwesen treibt.“

„Du sprichst von diesem ‚Jäger’, nicht wahr?“ Adora wusste nur zu gut, was dieses Wesen He-Man angetan hatte, zumal sie ihn regelmäßig in Grayskull besuchte. „Warum schickst du nicht ein paar Soldaten, um ihn zu verhaften? Oder beauftrage die Masters of the Universe mit dieser Aufgabe.“

„Das geht leider nicht.“ Randor schüttelte niedergeschlagen den Kopf. „Niemand wagt sich diesem Grizzlor entgegenzustellen, da er es war, der He-Man besiegte. Auch die Masters hätten keine Chance gegen ihn.“

„Ich glaube nicht daran, dass er stärker als die Masters ist.“, widersprach Adora. Als She-Ra hatte sie an deren Seite gekämpft. Sie wusste daher um die Stärke der Truppe.

„He-Man ist-“ Randor brach ab und setzte noch einmal an. „He-Man war stärker als alle Masters zusammen und er hat es nicht geschafft, Grizzlor zu besiegen.“

„Und wie kommst du dann darauf, dass mich ein einzelner Leibwächter beschützen könnte?“

Schach Matt. Adora hatte ihren Vater argumentativ in die Knie gezwungen. In der Tat gab es keinen logischen Grund, dass ihr ein Leibwächter auf Schritt und Tritt folgte.

Doch Adora hatte nicht mit der Hartnäckigkeit eines Königs gerechnet. Er setzte sich neben sie auf das Bett, nahm sanft ihre Hand und setzte einen solch besorgten Blick auf, der sämtliche Argumente von ihr dahin schmelzen ließ.

„Deine Mutter und ich machen uns einfach Sorgen um dich, mein Kind.“, sagte Randor in einem einfühlsamen Ton. „Wir würden uns niemals verzeihen, wenn dir wieder etwas zustoßen sollte.“

„Wenn euch das soviel bedeutet, bin ich einverstanden.“

Geschlagen durch den Dackelblick ihres Vaters. Adora konnte nicht fassen, dass sie dieser absurden Idee wirklich zugestimmt hatte.

„Ich bin froh, dass du so einsichtig bist, mein Kind.“ Randor seufzte erleichtert auf, erhob sich vorsichtig und klatschte in die Hände. Das akustische Signal verstehend, betrat kurz darauf ein junger Mann die Gemächer der Prinzessin.

Adora sah derweil ihren schmunzelnden Vater nachdenklich an.

Wieso habe ich nur das Gefühl, dass er mich ausgetrickst hat?

Randor zeigte nun mit einer geschwungenen Geste auf den jungen Soldaten, der so eben das Zimmer betreten hatte.

„Darf ich vorstellen: Das ist dein neuer Leibwächter. Sein Name ist Teek.“

Adora traute ihren Augen nicht, als sie erkannte, wer da vor ihr stand. Von allen Soldaten, die am Hof ihren Dienst verrichteten, warum musste ausgerechnet jener ihr Leibwächter werden?

 

*

 

Evil-Lyn kam nur sehr langsam voran. Die Schwangerschaftsphase, in der sie sich gerade befand, wurde durch starke Schmerzen begleitet. Wollte sie das Kind unbeschadet auf die Welt bringen, musste sie zu diesem Zeitpunkt noch auf schmerzlindernde Heilmixturen verzichten. Evil-Lyn blieb kurz stehen und sah den steilen Weg hinauf, der vor ihr lag.

Sie stöhnte innerlich und stütze für einen Moment lang ihren Rücken.

Ja, sie konnte es nicht länger leugnen. Sie war eindeutig schwanger. Das erkannte sogar der naivste Laie an ihrem nunmehr leicht gewölbten Bauch, wenn er denn nur genauer hinsah.

Evil-Lyn hatte sich daher entschlossen Snake Mountain zu verlassen. Zum Wohle ihres ungeborenen Kindes musste sie verhindern, dass Skeletor erfuhr, dass sie den rechtmäßigen Thronfolger Eternias unter ihrem Herzen trug.

Zunächst war die Hexe ratlos gewesen, an wen sie sich mit ihrem Geheimnis wenden könnte. Den Herrn des Bösen hatte sie dabei keine Sekunde lang in Betracht gezogen. Aber auch im Königspalast würde man ihr wohl kaum Glauben schenken. Letzten Endes war ihr jemand aus ihrer Vergangenheit eingefallen. Jemand, dem sie stets hatte vertrauen können und dem sie viel verdankte – ihr Lehrmeister im Turm der Finsternis.

 

*

 

An jenem Morgen stand keine einzige Wolke am Himmel und die Sonne tauchte den Palastgarten in ein helles, warmes Licht. Vogelgezwitscher erklang aus allen Richtungen und erfüllte das Anwesen mit Lebendigkeit. Adora spazierte mit ihrem neuen Leibwächter Teek einen der angelegten Wege entlang. Sie waren in ein Gespräch vertieft, welches die Zeit seit ihrer letzten Begegnung Revue passieren ließ. Teek war dabei stets sehr förmlich gegenüber der Prinzessin von Eternia, bis diese ihn darum gebeten hatte, sie zu duzen. Adora war der Ansicht, wenn ihr schon jemand auf Tritt und Schritt folgen würde, sollte sie sich wenigstens normal mit ihm unterhalten können.

„Du hast deinen Bruder seit deiner Rückkehr kein einziges Mal gesehen?“ Teek zeigte sich verwundert über den Umstand, dass der Prinz sich ausgerechnet jetzt einer Reifeprüfung unterzog.

„So ist es leider. Genau genommen habe ich ihn sogar noch nie bewusst gesehen.“ Es war keine Lüge, die Adora da ihrem Leibwächter erzählte. Die Geschwister wurden getrennt, als sie Babys waren und nach all den Jahren hatte sie ihren Bruder nur in der Gestalt He-Mans gesehen – nicht aber in der von Prinz Adam.

„Gibt es denn keine Möglichkeit ihm eine Nachricht zukommen zu lassen und ihn so über deine Rückkehr zu informieren?“

„Ich fürchte nicht. Dort wo sich Adam im Augenblick befindet, kann er keinen Kontakt zur Außenwelt aufnehmen.“

„Ich verstehe. Na der wird Augen machen, wenn er zurückkommt und seine Schwester auf ihn wartet.“

„Ja.“ Adora sah traurig zu Boden. „Ja, das wird er.“

Genau in diesem Moment erreichte ein Gedankenruf der Sorceress die junge Prinzessin. Ihre Anwesenheit in Schloß Grayskull wurde verlangt.

„Was hast du?“, fragte Teek besorgt, als er Adoras Geistesabwesenheit bemerkte.

„Ich fühle mich plötzlich nicht wohl.“, entgegnete diese ihm mit gespielt schwacher Stimme. „Könntest du ein Glas Wasser für mich besorgen? Ich setze mich solange auf diese Steinbank.“

Teek zögerte einen Moment. Ihm war nicht wohl dabei, die Person, die er schützen sollte, allein zu lassen. Doch Adora bestand darauf, dass sie lediglich ein Glas Wasser bräuchte und es ihr dann schon besser gehen würde. Entgegen seines Bauchgefühls machte sich der junge Soldat also auf den Weg, um den Wunsch der Prinzessin schnellstmöglich zu erfüllen.

Adora sah Teek eine Weile nach und wartete darauf, dass er nicht mehr zu sehen war. Dann erhob sie sich blitzartig von der steinernen Bank, zog ihr Zauberschwert und verwandelte sich im Schutze der Gartenbäume in She-Ra. „Für die Ehre von Grayskull!“, rief sie mit lauter Stimme und war sich sicher, dass die Verwandlung bei Teeks Rückkehr längst abgeschlossen war.

Und tatsächlich war die einzige Person, die Teek im Schlossgarten antraf, She-Ra. Die Prinzessin der Macht grüßte den Soldaten höflich. Immerhin war auch sie ihm schon einmal begegnet. Da dieser jedoch nicht ahnte, dass She-Ra und Adora ein und dieselbe Person waren, suchte er mit wachsender Unruhe nach Adora.

„Suchst du jemanden?“, heuchelte She-Ra Unwissenheit. Sie hasste es, wenn sie lügen musste, um ihre geheime Identität zu wahren.

„Ich suche die Prinzessin. Sie war eben noch hier. Hast du sie vielleicht-“

„Ja, ich habe zufällig beobachtet, wie Orko sie auf ihr Zimmer begleitet hat. Sie schien sich allem Anschein nach nicht ganz wohl zufühlen.“

„Ich danke dir.“ Teek machte sich Vorwürfe die Prinzessin allein im Garten zurückgelassen zu haben und wollte sich gleich in Richtung ihrer Gemächer begeben, um sich nach ihrem Zustand zu erkundigen. Doch She-Ra konnte dies nicht zulassen. Nicht wenn sie verhindern wollte, dass die Abwesenheit Adoras auffiel.

„Warte!“, rief sie dem Soldaten nach. „Sie sah recht müde aus, warum lässt du sie nicht ein wenig ruhen?“

Teek zögerte. Als Leibwächter war es seine Pflicht, das gesundheitliche Wohl seines Mündels nie aus den Augen zu verlieren. Andererseits wollte er auch nicht aufdringlich wirken. Er hatte den Streit zwischen Adora und ihrem Vater an jenem Morgen mitbekommen und wenn sie sich beim König über ihren Leibwächter beschwerte, würde ihr schneller ein neuer zugewiesen werden, wie Teek „Versetzung“ sagen konnte.

Das Dilemma des jungen Soldaten erahnend, legte She-Ra beruhigend ihre Hand auf dessen Schulter und schlug ihm eine Alternative vor:

„Ich bin gerade auf dem Weg zu einer Mission. Warum begleitest du mich nicht einfach?“

„Aber ich kann doch nicht-“

„Orko wird sich schon um Adora kümmern und den Rest werde ich mit Teela, deiner Vorgesetzten, persönlich reden.“

Teek setzt gerade zu einer Antwort an, als die Stimme einer Frau hinter She-Ra erklang.

„Über welchen Rest möchtest du mit mir persönlich reden, She-Ra?“

Es war ein unglaublicher Zufall gewesen, dass Teela genau in diesem Moment durch den Schlossgarten gelaufen und auf Teek und She-Ra gestoßen war. Die Prinzessin der Macht fluchte innerlich und überlegte sich dabei bereits die nächste Lüge, um Adoras Verschwinden nicht auffliegen zu lassen.

 

*

 

„Wenn du dir Schmerzen ersparen willst, sagst du mir, wo er ist!“ Ihre Worte waren grimmig. Ihre Drohung ein Versprechen.

Das alte Weib, das Evil-Lyn gegenüberstand, blieb jedoch hartnäckig. Sie hatte nicht vor der Frau zu helfen, welche sie damals als Herrscherin des Turmes der Finsternis abgelöst hatte. Sollte sie doch selbst herausfinden, wo sich ihr damaliger Lehrmeister aufhielt.

„Er hat den Turm verlassen, kurz nachdem du dich diesem Keldor angeschlossen hast.“, entgegnete die Alte.

„Das sagtest du bereits!“, fauchte Evil-Lyn ungehalten. „Spiel mir hier nicht die senile alte Frau vor und sag mir endlich, wo er ist!“

„Ich kann mich nicht erinnern.“

„Das ist eine Lüge!“

„Ob du mir nun glaubst oder nicht. Ich kann dir deine Fragen nicht beantworten.“

„Also gut…“, Evil-Lyn festigte den Griff um ihren magischen Stab. „Du wählst also diesen Weg. Genau wie damals, als du nicht freiwillig als Leiterin des Turmes zurücktreten wolltest.“

Die Alte ahnte, was nun folgen würde und ergriff die Initiative. Ohne Vorwarnung ließ sie mehrere Blitze auf Evil-Lyn niedergehen und schickte einen mächtigen Energiestrahl hinterher, der die Gegnerin auslöschen sollte.

Doch Evil-Lyn hatte längst ein Schutzschild um sich errichtet und wehrte so alle Angriffe mühelos ab.

„Siehst du, genau aus diesem Grund bin ich es, die ‚Herrscherin der Dunkelheit’ genannt wird und nicht du.“ Evil-Lyn lachte. „Du warst schon damals viel zu durchschaubar. Und nun…“ Ihre Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen. „…zahlst du den Preis für deine Lügen.“

 

*

 

„…und dann habe ich Teela erklärt, dass ich bereits alles mit Man-At-Arms abgeklärt habe, weil ich sie nicht finden konnte.“ She-Ra befand sich mittlerweile im Thronsaal von Schloss Grayskull, in welchem sie der Sorceress ihr Netz aus Lügen offenbarte. „Als Teela dann noch hörte, dass ich nach Grayskull unterwegs bin, wollte sie unbedingt mitkommen. Sie wartet nun zusammen mit Teek draußen vor dem Tor.“

„Dir behagt es nicht, deine Verbündeten zu belügen, nicht wahr?“ Die Stimme der Sorceress war sanft und einfühlsam wie immer und wie immer erkannte sie sofort, was She-Ra bedrückte.

„Das stimmt. Was mache ich denn, wenn Orko oder Man-At-Arms später von Teela oder Teek angesprochen werden sollten und von nichts wissen?“

„Der Waffenmeister und der kleine Zauberer wissen sehr wohl um ihre Rolle, die ihnen bei all dem auferlegt wurde.“, erwiderte die Hüterin von Grayskull. Ihre Stimme klang nun entschlossen und vollkommen sicher, gleichzeitig aber noch immer anmutig und zart. „Du musst wissen, dass es auch deinem Bruder stets sehr schwer fiel seine besten Freunde zu belügen. Doch jene, die um das Geheimnis und dessen Bedeutung wissen, haben ihn stets mit all ihrer Kraft unterstützt und nun unterstützen sie dich.“

She-Ra dachte einen Moment über die Worte der Sorceress nach. Diese drängte die Kämpferin für Gerechtigkeit nicht und wartete geduldig ab bis sie bereit war, ihr erneut zuzuhören.

„Weshalb hast du mich hergerufen?“, fragte She-Ra schließlich.

„Die Zeit ist gekommen, dass du dich deiner größten Angst stellst, mein Kind.“ Die Hüterin von Grayskull erhob ihren Stab und magischer Nebel zeichnete ein Bild eines pelzigen Ungeheuers, welches gnadenlos jeden abschlachtete, der aus einer unglücklichen Laune des Schicksals heraus seinen Weg kreuzte. Männer. Frauen. Kinder.

„Dies ist der Nemesis deines Bruders. Seit er über He-Man triumphierte wütet er ungestört durch die Dörfer des Königreiches und niemand wagt es sich ihm in den Weg zu stellen.“

Die Sorceress sah She-Ra nun direkt an. Die Prinzessin der Macht betrachtete jedoch weiterhin wie gebannt das Abbild von Grizzlor. Entsetzen zeichnete sich in She-Ras Gesicht ab, welches kurz darauf durch Angst abgelöst wurde. Diese wiederum musste schließlich kühler Entschlossenheit weichen.

„Diese Untaten können wir nicht länger geschehen lassen.“, flüsterte She-Ra. „Heute ist der Tag der Abrechnung gekommen.“

 

*

 

Die alte Hexe hatte keine Chance gegen die Herrscherin der Finsternis gehabt. Schluchzend und wimmernd hatte sie schließlich das Geheimnis um den Aufenthaltsort von Evil-Lyns Lehrmeister preisgegeben. Der magische Wald des Vergessens war nun das neue Ziel der schwangeren Magierin gewesen. Hier hoffte sie auf jenen zu treffen, dem sie ihr ganzes bisheriges Leben hatte blind vertrauen können. Jener, der sie bereits kurz nach dem Unfall von Keldor vor den Gefahren gewarnt hatte, welche eine Zusammenarbeit mit Skeletor in sich barg. Doch die Macht, die Skeletor ihr in Aussicht gestellt hatte, sowie die Hoffnung Keldor in ihm wieder zu finden, hatten Evil-Lyn damals blind gemacht.

Der Wald des Vergessens war dunkel und finster. Seinen Namen trug er, da man sich nur all zu leicht in ihm verirren konnte und so nie wieder aus ihm herausfinden würde. Derartig verschollen würde man für die Außenwelt schließlich in Vergessenheit geraten. So lautete zumindest die Legende. Doch Evil-Lyn schenkte solchen Ammenmärchen keine Beachtung. Sie war nur noch wenige Meter vom Unterschlupf ihres einstigen Lehrmeisters entfernt. Mit seiner Hilfe würde es ihr gelingen, dem Kind, welches in ihr heranwuchs, eine Zukunft zu geben.

„Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal trafen.“

Eine Männerstimme schreckte Evil-Lyn aus ihren Gedanken. Sie drehte sich zur Seite und blickte in die Augen eines Mannes mittleren Alters, welcher seine Haare unter einer Kapuze versteckte. In seiner rechten Hand hielt er einen großen Holzstab und mit seiner linken strich er sich über seinen tiefschwarzen Spitzbart. 

„Ja, es ist lange her.“, entgegnete Evil-Lyn schließlich dem Mann, der niemand anderes als ihr Lehrmeister aus vergangenen Tagen war. „Und in all der langen Zeit, hast du dich kein Stückchen verändert, Marzo.“

*

 

Grizzlor hatte gerade einem Dorfbewohner, der es gewagt hatte, Widerstand zu leisten, mit einem seiner todbringenden Schwerter den Kopf abgeschlagen. Als sich She-Ra ihm entgegenstellte, hielt das Monster in der einen Hand die mit Blut besudelte Klinge und in der anderen das nun körperlose Haupt des Mannes.

„Noch jemand, der so töricht ist und sich mir in den Weg stellt?“, raunte Grizzlor, als er die Prinzessin der Macht erblickte. „Du solltest wissen, dass ich auch auf Frauen keine Rücksicht nehme. Im Visier des Jägers ist jede Beute gleich.“

Teela, die mit Teek etwas abseits des Geschehens stand, wollte etwas erwidern, wurde jedoch von Adoras Leibwächter zurückgehalten.

„Nicht.“, sagte er in beschwichtigendem Tonfall. „Sie hat uns gebeten nicht einzugreifen, egal was passiert.“

„Deine Gräueltaten haben nun ein Ende, du Monster!“, es war die Stimme She-Ras, die laut und deutlich über den Marktplatz des kleinen Dorfes hallte, welches ansonsten wie ausgestorben wirkte. Die Einwohner hatten sich aus Furcht vor Grizzlor in ihren Häusern verbarrikadiert.

Das haarige Biest lachte seiner Herausforderin ins Gesicht.

„Und wer bist du, dass du darüber entscheidest?“, zischte er amüsiert.

„Ich bin She-Ra, die Prinzessin der Macht! He-Man, den du auf solch unfaire Art und Weise besiegt hast, ist mein Verbündeter.“

„He-Man…“, Grizzlor schwieg einen Moment, tat dabei so, als ob er seine Erinnerung nach dem genannten Namen durchforsten würde. Schließlich schnipste er mit den Fingern.

„Ich erinnere mich. Es war kein unfairer Kampf, den wir uns damals lieferten. Dein Verbündeter war lediglich zu schwach. Aber wenn du mir nicht glaubst…“ Grizzlor warf den Schädel, den er die ganze Zeit über in einer seiner Hände gehalten hatte, She-Ra vor die Füße. „…greif mich an und spüre meine Stärke am eigenen Leib.“

Dies ließ She-Ra sich nicht zweimal sagen. Sie erhob ihr Zauberschwert und stürmte damit auf das Monster vor ihr zu. Ihre Klingen trafen sich mit voller Wucht. Doch Grizzlor war auf den Angriff seiner Gegnerin vorbereitet gewesen und hatte den besser Stand. Er hatte She-Ras Hieb lediglich abgeblockt, so dass er nun mühelos zurückweichen und zu einem Sprung ansetzen konnte, der ihn hinter She-Ra beförderte. Blitzschnell hatte er seine Armbrust bereut und feuerte einen Pfeil auf She-Ras rechtes Bein ab, als diese sich ihm wieder zuwandte.

Das Geschoss traf zielsicher in den Oberschenkel und die Kriegerin schrie auf.

„Siehst du?“, lachte Grizzlor. „So hat auch die Niederlage deines Verbündeten begonnen.“

Dumm. Einfach nur dumm. Warum hatte sie sich von ihrem Gegner derart provozieren lassen? She-Ras Gedanken überschlugen sich, als sie unter größter Pein den Pfeil aus ihrem Bein zog. Sie durfte sich nicht zu lange mit ihrem Fehler beschäftigen. Sie musste stattdessen daraus lernen und ebenfalls eine Taktik aufbauen. Wenn sie einfach nur drauflos schlagen würde, würde sie den Kampf gegen diesen Gegner mit Sicherheit verlieren.

„Nachdem ich dich so zusammengeschlagen habe, dass du um Gnade bettelst, kümmere ich mich um deine beiden Freunde dahinten.“   

She-Ra versuchte die Worte des Gegners auszublenden. Er versuchte lediglich sie zu provozieren, hoffte auf einen weiteren unkontrollierten Angriff ihrerseits.

„Genau wie He-Man wirst du vor mir knien und meinen Namen winseln. Du hättest ihn sehen sollen. Der einst so starke Held von Eternia hat geweint wie ein kleines Kind.“

„DAS IST NICHT WAHR!“, die Lügen ihres Kontrahenten hatten ihre Wirkung nicht verfehlt und She-Ra stürmte, den Schmerz ihres blutenden Beines vergessend, abermals auf Grizzlor zu.

„Dummes Ding.“, lachte Grizzlor. „Du bist keine echte Herausforderung für mich.“

Er hob das kleine Schwert, das er in Händen hielt, leicht an und passte den richtigen Moment ab, um zur Seite zu springen und so seinen Gegenangriff starten zu können. Blitzschnell stach er zu und durchbohrte mit seiner Waffe die Gegnerin. Plötzlich traf wie aus dem Nichts ein starker Tritt Grizzlors Kinn und riss ihn von den Beinen. She-Ra hatte ihren Wutausbruch nur vorgetäuscht und sich im letzten Moment nach vorne geworfen, so dass die Klinge ihres Kontrahenten, lediglich ihren roten Umhang durchschnitten hatte. Den Schwung, den sie durch ihr Manöver bekommen hatte, hatte sie dann genutzt, um sich mit ihren Händen vom Boden abzudrücken und so Grizzlor mit der vollen Wucht ihrer Stiefel zu treffen.

„Du bist besser als ich dachte.“, raunte das pelzige Biest, als es sich das Blut aus dem Gesicht wischte. „Dennoch wirst du gegen mich verlieren.“ Blitzschnell zückte Grizzlor eine kleine, handliche Axt und warf sie She-Ra so schnell entgegen, dass diese nur mit knapper Not ihr Schwert hochreißen und den Angriff damit rechtzeitig abwehren konnte. Als sie ihre Klinge senkte, blickte sie erschrocken in die aufblitzenden Zähne von Grizzlor, der nun direkt vor ihr stand und seine Faust mit voller Wucht in ihren Magen grub. Ein weiterer Schlag traf die Prinzessin der Macht kurz darauf mit solcher Wucht im Gesicht, so dass sie taumelnd zu Boden stürzte und dabei ihr Schwert verlor.

„Suchst du das hier?“, lachte Grizzlor, als She-Ra benommen den Boden nach ihrer Klinge abtastete, und hielt ihr das Schwert des Schutzes provozierend vor die Nase. Blut tropfte aus einer Kopfwunde, als She-Ra sich erhob, um dem Feind wieder Auge in Auge gegenüberzustehen.

„Diese Waffe wird dir absolut nichts nützen.“, erwiderte die Kriegerin ihrem Kontrahenten, als sie ihr eigenes Schwert in dessen Händen vernahm.

„Das werden wir ja sehen.“, lachte Grizzlor und ging zum Angriff über.

„Ja, das werden wir.“

Blut färbte die Klinge des Zauberschwertes rot. Dann war es zu Ende.

 

*

 

Graf Marzo hatte Evil-Lyn in eine geräumige Höhle geführt, die er sein Heim nannte. Auf dem Weg dorthin hatte die Hexe ihm erzählt, warum sie ihren früheren Lehrmeister nach all den Jahren aufgesucht hatte. Marzo, der nun mit Evil-Lyn an einem alten Holztisch saß, dachte darüber nach, wie er das noch ungeborene Kind den Mächten von Skeletor entziehen könnte. Das Licht der Fackeln, welche die Höhle erhellten, bildete dabei auf dem Gesicht des Grafen unheimliche Fratzen ab. Evil-Lyn musterte ihn die ganze Zeit über genauestens. Zusammen hatten sie viel durchgemacht und es gab keinen Grund, Marzo zu misstrauen. Dennoch hatte sie es vermieden, die Identität des Vaters ihres Kindes preiszugeben. Es hätte die Dinge unnötig verkompliziert.

„Nun…“, Graf Marzo brach endlich sein Schweigen. „Wie ich es auch drehe und wende, ich sehe nur eine Möglichkeit.“

Evil-Lyn beugte sich neugierig nach vorne.

„Welche?“

„Der Strudel der Zeit.“

„Aber…“ Evil-Lyn stockte der Atem. Sie wusste nur zu gut, was Marzo mit seiner Äußerung meinte. „Jener Ort…“

Marzo schloss die Augen und nickte. Dann beendete er den von Evil-Lyn begonnenen Satz.

„…ist der Ort, an dem ich dich als Säugling fand.“

 

*

 

Nueve war ein betagter Händler, der den Wochenmarkt von Eternis wie seine Westentasche kannte. Er baute nun schon seit über 40 Jahren Woche für Woche seinen Stand immer an der gleichen Stelle auf und hatte in dieser Zeit schon unzählige Kunden bedient. Einer der außergewöhnlichsten unter ihnen war wohl der kleine Trollaner Orko, der ihn in steter Regelmäßigkeit aufsuchte, um die unterschiedlichsten Waren bei ihm zu kaufen – so auch heute. Orko war gerade dabei, seinen Einkauf in der roten Mütze zu verstauen, die er stets trug. Nueve hatte ihn nie ohne sie gesehen, was ihn allerdings nicht sonderlich störte. Ganz im Gegenteil, der Händler musste jedes Mal schmunzeln, wenn die Mütze aufklappte und Unmengen an Einkäufen darin verschwanden.

Eine plötzliche Unruhe erfasste die Marktplatzszene. Ganze Menschengruppen liefen in Richtung des großen Platzes und waren voller Aufregung.

„Was da wohl los ist?“, fragte Nueve neugierig.

„Auf dem großen Platz gibt es einen Stand, der recht preiswertes Gemüse hat.“, merkte Orko an. „Aber deswegen so einen Zirkus zu veranstalten.“ Der Trollaner schüttelte verständnislos den Kopf. Er würde diese Menschen wohl nie verstehen.

„Der Jäger! Der Jäger ist zurückgekehrt.“ Es war nicht mehr als ein Gesprächsfetzen, den Orko da aufgeschnappt hatte, aber es genügte, um ihn vom einen zum anderen Augenblick aus der Ruhe zu bringen.

„Ich muss gehen, Nueve.“, hastig verstaute er auch den Rest seiner Einkäufe in seiner Mütze. „Man sieht sich.“

Ohne eine Antwort des alten Händlers abzuwarten, schwebte Orko eilig davon und folgte der Menschenmenge. Grizzlor, dieses Monster, das He-Man besiegt hatte, war nach Eternis zurückgekehrt. Das konnte und würde nichts Gutes bedeutet. Orko beschleunigte noch einmal seinen Flug und bremste erst wieder ab, als er den großen Platz erreich hatte.

Die Leute dort starrten alle zu den Dächern der Häuser empor. Orko lief ein kalter Schauer über den Rücken. Die Situation erinnerte ihn nur zu gut an He-Mans Niederlage. Doch als seine Blicke den Himmel erreichten, wollte er zunächst nicht glauben, was er dort sah. She-Ra hielt einen geschundenen Grizzlor an dessen Fell gepackt und präsentierte ihre Beute dem Volk von Eternis.

„Eternia.“, rief die Heldin mit lauter Stimme. „Sieh ins Antlitz des einst so stolzen Jägers.“

Mit diesen Worten warf sie Grizzlor auf den staubigen Boden des Marktplatzes.

„Besiegt.“

 

*

 

Kurze Zeit später stattete Teek Adora einen Besuch in deren Gemächern ab. Ihn plagte noch immer ein schlechtes Gewissen, da er sie allein gelassen hatte, um She-Ra auf ihrer Mission zu begleiten.

„Ich schwöre, dass das nie wieder passieren wird.“, sagte der junge Soldat mit entschlossener Stimme. Orko, welcher der Unterhaltung beiwohnte, seufzte leise. Er hatte Adoras Alibi bestätigt, denn glaubte man den Worten des Trollaners, hatte die Prinzessin die ganze Zeit über nie ihr Zimmer verlassen. Teeks Entschlossenheit Adora in Zukunft nicht mehr von der Seite zu weichen, würde aber früher oder später zum Problem werden. Dessen war sich nicht nur Orko bewusst.

„Du brauchst wirklich kein schlechtes Gewissen zu haben, Teek.“, versuchte Adora ihren Leibwächter zu beruhigen. „Orko hat sich gut um mich gekümmert. Außerdem habe ich sowieso fast die ganze Zeit über geschlafen.“

Adora, die bisher auf ihrem Bett gesessen hatte, stand auf und ging in Richtung Fenster.

„Erzähl mir lieber, wie es She-Ra geschafft hat, diesen Grizzlor zu besiegen. Ich habe gehört, er hatte ihr das Zauberschwert abgenommen?“

„Das stimmt.“, bestätigte Teek. „Grizzlor stürmte mit dem Zauberschwert in Händen auf seine Gegnerin zu und für einen Moment sah es so aus, als würde She-Ra verlieren. Doch dann geschah das Unglaubliche: Das Schwert entwickelte eine Art Eigenleben. Es leuchtete und veränderte den Schlagwinkel, so dass Grizzlor She-Ra verfehlte.“

Während Teek die Geschichte erzählte, spielte er die Aktionen der Protagonisten lebhaft nach, um Adora einen besseren Eindruck davon zu verschaffen. Seine Schauspielkünste waren natürlich sehr bescheiden und seine Gestiken vollkommen übertrieben, aber Adora fand dennoch Gefallen daran. Sie hätte Teek stundenlang zusehen können.

„She-Ra wiederum reagierte blitzschnell, hob das kurze Schwert auf, welches das pelzige Monster kurz zuvor verloren hatte und rammte es Grizzlor in die Schulter. Voller Entsetzen ließ dieser das Zauberschwert fallen und betrachtete das Blut, welches von seiner Schulter aus auf den Boden tropfte. She-Ra hingegen hob vollkommen gelassen ihre Waffe auf, wischte das Blut von Grizzlor daran ab und gab diesem dann einen gewaltigen Kinnhaken, welcher den Kampf beendete. Du hättest dabei sein sollen. She-Ra war einfach toll!“

Adora musste herzhaft lachen. Es war das erste Mal seit einer langen, langen Zeit und sie war Teek unglaublich dankbar dafür. Mehr als dieser ahnte.

 

*

 

Grizzlor schmeckte Blut auf seiner Zunge. Sein ganzer Körper schmerzte. Doch all die Schmerzen waren nichts im Vergleich zu der Demütigung, die er empfand.

So fühlte sich also eine Niederlage an.

Nachdem der wilde Mob ihn aus der Stadt gejagt hatte, war er durch eigene Kraft bis in das nah gelegene Ödland gekrochen, welches sich im Osten des königlichen Palastes befand. Dort war er schließlich auf dem staubigen und steinigen Boden zusammengebrochen. Die Geier kreisten nun über ihm und warteten geduldig darauf, bis er seinen letzten Lebensfunken ausspeien würde. Doch diese Genugtuung wollte Grizzlor seinen Feinden nicht geben. Er, den sie den Jäger nannten, würde sich wieder aufrappeln und Rache üben, an jenen, die ihm das angetan hatten.

Plötzlich verdunkelte etwas die Sonne. Als Grizzlor seinen Blick hob, bemerkte er, dass lediglich etwas seinen Schatten auf ihn warf. Als die verschwommenen Umrisse langsam Kontur annahmen, erkannte Grizzlor, dass sich ihm zwei Gestalten genähert hatten und ihn nun neugierig beäugten.

„Das ist jener, von dem ich euch berichtete.“, sagte eine grelle Stimme.

Eine der Personen beugte sich nun zu dem geschundenen Monster, das auf dem Boden kauerte. Die Umrisse des Fremden verdeckten nun nicht mehr die Sonne und Grizzlor wurde wieder von grellen Lichtstrahlen geblendet.

„Man nennt dich also den Jäger.“ Die Stimme des zweiten Unbekannten war wesentlich dunkler, als die seines Begleiters – dunkler und Furcht einflößender.

„Schließe dich mir an und ich werde dir helfen, an jenen Rache zu üben, die dir dies angetan haben.“

„Wer bist du?“, fragte Grizzlor mit schwacher Stimme.

„Ich bin der Anführer der Wilden Horde. Man nennt mich Hordak.“

 

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