„Es bedarf des Bisses einer einzigen Schlange, um einen Menschen zu töten.
Doch wie viele Menschen bedarf es, um eine einzelne Schlange zu töten?“
- Alte eternische Redewendung
King Hsss saß auf seinem steinernen Thron und krallte sich an dessen Lehnen fest.
Das rötliche Schimmern der Lava, die in kleinen steinernen Becken vor sich hinbrodelte, verwandelte sein Gesicht in eine Furcht erregende Fratze. Der Blick des Schlangenkönigs wanderte durch die Höhle, die er nach der Befreiung aus der Verbannung als seinen Thronsaal eingerichtet hatte. Absolut nichts deutete darauf hin, dass dies das Zentrum der Macht der einst so stolzen Schlangenmenschen war. Kahle Felswände, die vor Äonen aus einer Laune der Natur heraus entstanden waren, schlossen einen Raum ein, der über keinerlei Prunk oder sonstige Besonderheiten verfügte. Einzig und allein die vor sich hin brodelnden Lavabecken verliehen ihm eine besondere Atmosphäre, als wollten sie von dem Unheil künden, das sich von hier aus ausbreitete.
„Unsssere Versssuche Graysssskull einzunehmen, sssowie unsssere Bemühungen He-Man zu bessssiegen, ssssind in der Vergangenheit immer wieder gescheitert.“
Es war die Stimme von General Rattlor, der zu King Hsss sprach. Die anderen Schlangenmenschen hatten sich ebenfalls im Thronsaal eingefunden, standen nur wenige Meter von Rattlor entfernt und lauschten seinen Worten.
„Doch damit nicht genug. Statt unsssere Brüder und Schwestern aus der Verbannung zu befreien und mit ihnen über diessssen Planeten zu herrschen, hat sich unsssere Schlagkraft in den vergangenen Monaten mehr und mehr dezimiert. Ein Grosssssteil jener, die damalsss nicht verbannt wurden, befinden sssich mittlerweile in den Kerkern dessss Königsssspalastesss oder ssssind gar tot. Wie viele Ssssoldaten ssssind unsss geblieben? Zweihundert? Einhundert?“
Rattlor machte eine Pause und schaute fragend in die Reihen seiner Krieger.
„Weder noch. Essss ssssind gerade mal fünfundvierzig.“
„Dessen bin ich mir bewusst, Rattlor.“, erwiderte King Hsss mit eisiger Stimme. „Doch leider haben sich unsere Pläne, die wir in der Vergangenheit anfertigten, als wenig erfolgreich herausgestellt.“
„Pläne?“ Rattlors Frage hallte durch die Höhle. Keiner der anderen Schlangenmenschen traute sich zu bewegen, geschweige denn zu reden. Sie waren sich der angespannten Atmosphäre zwischen ihrem König und dessen General nur all zu bewusst.
„Welche Pläne meint ihr? Der lächerliche Versssuch Grayssskull in den Sssümpfen desss Vergessenssss zu versssenken? Oder spielt ihr auf den Tag an, an dem wir diesssem dahergelaufenen Niemand alsss Handlanger dienten, um He-Man zu besssiegen?“
„Genug jetzt Rattlor!“, Hsss erhob sich von seinem Thron und warf seine menschliche Gestalt ab, um sein wahres Ich zu zeigen. Sein gesamter Körper schien nun nur noch aus Schlangen zu bestehen, die sich umeinander wanden. Die größte unter ihnen starrte Rattlor mit rot glühenden Augen an.

„Ich bin der König und ich lasse nicht zu, dass meine Autorität in Frage gestellt wird! Dieser Grizzlor hat uns ein magisches Medaillon besorgt mit dessen Hilfe wir unser Volk befreien können.“
„Warum haben wir es dann nicht schon längssst benutzt?“
„Siehst Du Rattlor. Genau das ist der Grund, warum ich König bin und du nicht.“
Die Schlangen, die den Körper von King Hsss darstellten, glitten für einen kurzen Moment auseinander, so dass ein goldenes Medaillon zum Vorschein kam.
„Ich habe den passenden Zeitpunkt abgewartet. Als nach He-Mans Sturz eine neue Kriegerin auftauchte, hätte uns ein vorschnelles Handeln zum Verhängnis werden können.“
Eine der kleineren Schlangen von King Hsss’ Körper schnappte das Medaillon mit ihrem Maul und zog es aus dem Inneren Knoten des Körpers heraus.
„Doch nun liegt Avion in Trümmern und die Masters sind in ihren Grundfesten erschüttert.
Nun wird uns niemand mehr aufhalten.“
7 Stunden bis zur Befreiung der Schlangenmenschen
*
In den kalten Mauern von Castle Grayskull saß eine junge Frau neben ihrem bewusstlosen Bruder, den sie eigentlich gar nicht kannte. Das flackernde Kerzenlicht, das den Raum erhellte, bildete einen merkwürdigen Kontrast zu den Maschinen, die den Mann neben ihnen am Leben hielten und gleichzeitig seine Vitalwerte überwachten.
Adora streifte He-Man sanft durch sein langes blondes Haar.
Die Ereignisse der letzten Tage gingen ihr durch den Kopf.
„Wenn du statt meiner hier gewesen wärst, wäre in Avion vielleicht noch alles beim Alten und Stratos hätte die Masters nicht verlassen. Was soll ich jetzt nur tun?“
Schritte näherten sich und Adora verstummte.
„Es wird Zeit.“ Die Sorceress berührte sanft die Schulter ihres Gastes. „Du solltest dich auf den Nachhauseweg machen, bevor man dich im Palast noch vermisst.“

„Ich frage mich immer wieder, ob es richtig war, das Schwert anzunehmen und mein Dorf zu verlassen. In den langen Korridoren des Palastes fühle ich mich nämlich noch einsamer als hier.“
„Ist das der Grund, warum du die Nähe deines Bruders suchst?“
„Vielleicht. Vielleicht erhoffe ich mir dadurch auch nur die Innere Stärke zu finden, die He-Man nachgesagt wird und von der ich nur zu gern etwas ab hätte.“
„Auch He-Man führt ein normales Leben. Als Prinz Adam hat er mit ähnlichen – und dennoch ganz anderen - Sorgen zu kämpfen wie du. Das haben wir alle.“
Ein Bild von Teela entstand im geistigen Auge der Sorceress, als sie sprach. Es gab Tage, an denen ihr der Schmerz, ihrer Tochter nicht die Wahrheit sagen zu können, allgegenwärtig erschien.
„Doch wir lassen uns nicht von unseren Problemen unterkriegen. Wir lernen mit ihnen zu leben und dann eines Tages, wenn wir es am wenigsten erwarten, nehmen wir plötzlich wahr, dass wir sie überwunden haben.“
Adora stand auf und drehte sich zur Hüterin von Grayskull. Sie umarmte sie liebevoll und spürte dabei ihre fürsorgliche Wärme.
„Ich danke dir, Sorceress.“
Plötzlich bemerkte Adora, wie sich der Körper der Zauberin verkrampfte.
„Was hast du?“, fragte sie besorgt.
„Die Schlangenmenschen haben den Boden des Niemandslandes betreten. Mich beschleicht eine böse Vorahnung.“
5 Stunden bis zur Befreiung der Schlangenmenschen
*
Die kalten, eisernen Wände der Fright Zone umgaben Mantenna, als er Hordak von seinen Beobachtungen berichtete. Ein Kampfjet der Horde startete gerade – zwar nicht in ihrer unmittelbaren Umgebung, jedoch reichte der dadurch erzeugte Lärm aus, damit der Späher mit erhobener Stimme dagegen ankämpfen musste.
„Außerdem habe ich gesehen, wie King Hsss das Niemandsland betrat. Er scheint wohl auf dem Weg zum Brunnen der Dunkelheit zu sein, um seine Schlangenkrieger zu befreien.“
Der Jet war nun gestartet und für einen Moment erfüllte lediglich das seelenlose Hämmern der Maschinen, die irgendwo in der Fright Zone ihren Dienst verrichteten, den Raum. Die metallenen Geräusche verliehen dem Ort eine bizarre, alptraumhafte Atmosphäre.
Hordaks Blick verlief sich irgendwo in der Leere.
„Lachhaft. Er scheint noch immer zu glauben, dass er eines Tages über Eternia herrschen wird.“, sagte er schließlich.
„Sollen wir Maßnahmen ergreifen?“
„Nein, Mantenna. Das Schlangenvolk ist mit Ausnahme einiger weniger Krieger schwach und stellt für die Wilde Horde keinerlei Bedrohung dar. Die Helden von Eternia könnten sich jedoch bald auf verlorenem Posten wieder finden.“
4 Stunden bis zur Befreiung der Schlangenmenschen
*
Der Brunnen der Dunkelheit war nicht mehr als ein Haufen großer Felsblöcke, die vereinzelt in der Landschaft standen. Es gab keinerlei Inschriften, Embleme oder sonstige Hinweise darauf, dass es sich um einen Quell der Finsternis handelte. Lediglich die kreisförmige Anordnung der Felsen ließ vermuten, dass sie irgendwann einmal von Bedeutung waren. Heute wusste jedoch niemand mehr, welchem Zweck sie einst dienten.
Das war jedoch nicht immer so. Als King Hsss den Steinkreis sah, erinnerte er sich an die Epoche des mächtigen Zauberkönigreiches Kastuul zurück. Damals hatten er und seine Schlangenkrieger schon einmal versucht die Macht über Eternia zu erlangen. Damals waren sie gescheitert an den Herren von Kastuul, den Erbauern von Schloss Grayskull. Sie hatten damals mehr als einmal versucht, die Burg der Zeitlosen einzunehmen und jedes Mal waren sie gescheitert.

Hsss fuhr mit der Hand über das Relief, welches die Felsen bildeten. Es schien ihm, als sei all dies erst vor kurzem passiert. Dabei war es Tausende von Jahren her und mittlerweile nicht mehr als eine verblassende Erinnerung.
Einmal – ja, ein einziges Mal, waren sie ganz knapp davor gewesen, Grayskull einzunehmen.
Doch in der Stunde ihrer vermeintlichen Niederlage hatten die Kastuulaner plötzlich die Macht des Brunnens der Dunkelheit angezapft. Die Folge war ein ungleicher Kampf gewesen, in dessen Verlauf die Schlangensoldaten wie die Fliegen gefallen waren. Als dann kurze Zeit später die Wilde Horde zum aller ersten Mal auf Eternia einfiel, konnten die Schlangenmenschen nicht viel mehr tun, als sich ihrem Schicksal zu fügen und den Weg in die Verbannung anzutreten.
Doch all dies war Vergangenheit. King Hsss würde den Brunnen der Dunkelheit nun dazu verwenden, um eine neue Ära der Schlangenmenschen einzuläuten.
Während Rattlor und die anderen Gefolgsleute außerhalb des Steinkreises warteten, stellte sich ihr König in das Zentrum des magischen Brunnens. Mit Hilfe des mystischen Artefaktes, das er von Grizzlor, dem einsamen Jäger, bekommen hatte, konnte er nun an diesem Ort ein Ritual durchführen, das es ihm ermöglichte sein restliches Volk aus der zweiten Verbannung zu befreien, in das He-Man es geschickte hatte.
Gerade als King Hsss die ersten magischen Worte sprechen wollte, schlug einer seiner Krieger Alarm. Die Masters of the Universe waren am Ort des Geschehens eingetroffen und verwickelten die Schlangenmenschen in einen Kampf.
„Haltet ssssie auf!“, donnerte Rattlor. „Sssie dürfen den König nicht bei dem Ritual stören.“
Wie besessen stürzten sich die Reptilien ihren Feinden, bestehend aus Roboto, Snout-Spout, Man-E-Faces, Sy-Klone, Fisto und Teela, entgegen. Doch es war zu spät. She-Ra hatte den inneren Kreis schon betreten und stand dem Schlangenkönig nun Auge in Auge gegenüber.
30 Minuten bis zur Befreiung der Schlangenmenschen
*
Der Kampf zwischen den Masters of the Universe und den Schlangenmenschen zog sich nun schon eine Weile hin. Außerhalb des Steinkreises kämpfte Roboto zusammen mit Sy-Klone und Fisto gegen die normalen Fußsoldaten der Schlangenbrut, während im inneren Kreis She-Ra gegen King Hsss und Snout-Spout, sowie Man-E-Faces gegen General Rattlor kämpften.
Auf den Felsen wiederum lieferten sich Teela und Kobra Khan ein Gefecht. Letzterer versprühte aus seinem Nacken Schlafgas, welches Teela ohne jegliche Vorwarnung blitzschnell außer Gefecht setzte. Voller Stolz, dass er der erste und einzige Schlangenmensch war, der im heutigen Kampf einen der Feinde außer Gefecht gesetzt hatte, packte er Teela an ihrem Nacken und hob sie triumphierend in die Höhe.
„Wenn ihr nicht wollt, dasssss eurer Freundin etwasssss geschieht, ergebt euch lieber!“, forderte Khan mit lauter Stimme.
„Feiges Schlangenpack. Kann nicht fair kämpfen.“, warf Man-E-Faces dem ihm gegenüberstehenden Rattlor an den Kopf. Der General der Schlangenarmee beachtete aber weder ihn noch Kobra Khan, sondern gab seinen Soldaten lediglich ein Zeichen, die Masters in Ketten zu legen.
Kobra Khan trat erhobenen Hauptes an King Hsss heran. Sein Einsatz war es gewesen, der ihnen zum Sieg verholfen hatte. Dementsprechend rechnete er mit einer großzügigen Belohnung. Doch sein König beachtete ihn gar nicht. Er hatte nur Augen für She-Ra, welche gerade von einem einfachen Soldaten in Ketten gelegt wurde.
„Du bist mir einfach nicht gewachsen, Menschenfrau.“, lachte er triumphierend. „Aber ich bewundere trotz allem deinen Mut. Daher werde ich doch als letztes verspeisen, wenn mein Volk erst befreit ist.“
King Hsss gab nun seinen Untergebenen den Befehl das Innere des Steinkreises zu räumen und setzte dann das Ritual fort.
Von nun an waren es nur noch wenige Augenblicke bis zur Befreiung der Schlangenmenschen.
*
Das Dimensionsportal flimmerte in einem grünlichen Licht, als es sich öffnete und den verbannten Schlangenmenschen die Rückkehr nach Eternia ermöglichte.
King Hsss und seine Untertanen waren von diesem Schauspiel so fasziniert, dass sie darüber ganz vergaßen, ihre Gefangenen zu bewachen. She-Ra nutze die Gunst der Stunde und sprengte mit Hilfe ihrer enormen körperlichen Kräfte die Ketten, welche die Schlangenmenschen ihr angelegt hatten. Aufgeschreckt durch den so verursachten Lärm, besannen sich ihre Bewacher auf ihre ursprüngliche Aufgabe, doch es war zu spät. She-Ra sprintete an ihnen vorbei in Richtung ihres Schwertes, ergriff es und schleuderte es mit aller Kraft dem Artefakt entgegen, welches das Dimensionstor geöffnet hatte.
Es waren gerade erst zwei Schlangenkrieger nach Eternia zurückgekehrt, als der mystische Gegenstand durch das Zauberschwert in Stücke gerissen wurde und sich das Dimensionstor augenblicklich schloss.
King Hsss, der gerade die beiden Neuankömmlinge Tung Lashor und Snake Face begrüßen wollte, erstarrte vor Schreck.
„Dein letzter Fehler, She-ra!“, donnerte der erzürnte Schlangenkönig und warf seine menschliche Hülle ab, um der Prinzessin der Macht mit all seiner Kraft entgegen zu treten.

Die anderen Schlangenmenschen wollten ihrem König helfen, aber General Rattlor gab ihnen ein Zeichen sich nicht einzumischen.
*
Angewidert blickte She-Ra auf den Körper von King-Hsss. Oberhalb seiner Hüften ragten unzählige Schlangen aus ihm heraus und bildeten seinen Körper. Sie überlagerten sich teilweise und eine schien an der anderen hoch zu schlängeln. Insgesamt sah es aus, als würden die Schlangen einen seltsamen Tanz aufführen.
Blitzschnell und ohne Vorwarnung schossen die Reptilien plötzlich She-Ra entgegen. Überrascht davon, dass sich die Schlangen so koordiniert in eine Richtung bewegen konnten, schaffte es die junge Frau nur knapp ihnen auszuweichen. Sie holte gleich darauf mit ihrem Schwert aus, um einem der Kriechtiere den Kopf abzuschlagen. Doch der Versuch sollte scheitern, da die größte und kräftigste der Schlangen den Hieb mit ihren scharfen, klingenartigen Zähnen abfing. Der Umstand, dass ein metallenes Schwert von einer paar Zähnen aufgehalten wurde, stellte eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit dar.
Es sei denn…
Die Erkenntnis darüber, dass Magie im Spiel war, erlangte She-Ra zu spät. Energiestrahlen traten aus den Augen der Schlangen hervor, bündelten sich und trafen die Prinzessin der Macht mit voller Wucht. Das Zauberschwert lag neben ihr, als sie nun benommen am Boden kauerte.
„Gib auf, She-Ra!“, lachten die Schlangen wie aus einem Mund. „Du hast keine Chance gegen meine geballte Macht. Füge dich deinem Schicksal und stirb!“
Dem Schicksal fügen. Nein, das hatte sie in ihrem früheren Leben viel zu oft getan.
Immer nur hatte sie sich auf andere verlassen, ließ sich im Strom treiben. Kein einziges Mal war sie aus dem Schatten, den ihre von Skeletor ermordete Freundin auf sie geworfen hatte, herausgetreten.
Doch das war ein anderes Leben. Wie konnte sie sich nun dem von Hsss prophezeiten Schicksal fügen, wenn es doch das Schicksal gewesen war, das ihr diese neue Chance gegeben hatte? Und wenn sie eines wusste, dann war es dies: Nichts ist so wertvoll wie eine zweite Chance im Leben.
Entschlossen packte She-Ra ihr Schwert und stand auf. Sie lief nun an den Rand des Steinkreises und schleuderte dann ihre Waffe in Richtung des Schlangenkönigs. Dieser schaffte es mit Leichtigkeit dem Angriff auszuweichen.
„Ist das alles, was du draufhast?“, lachte King Hsss, seine Worte schon im nächsten Moment bereuend. Der Angriff mit dem Schwert war nicht mehr gewesen als ein Ablenkungsmanöver. She-Ra hatte die Zeit genutzt um einen der großen Felsen, die den Steinkreis bildeten, anzuheben und schleuderte ihn nun mit voller Wucht auf Hsss.

Dieser ging stöhnend unter der großen Lasst zu Boden und verlor das Bewusstsein.
She-Ra räumte den Stein zur Seite, um sich zu vergewissern, dass der Schlangekönig wirklich außer Gefecht gesetzt war.
„Es ist vorbei, Hsss.“ Sie lächelte zufrieden.

*
Rattlor blickte abfällig auf seinen König. Dann funkelte er die Frau an, die ihn besiegt hatte.
„Geht.“, sagte er in einem Tonfall, der She-Ra eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
Die junge Kriegerin sah noch einmal auf den bewusstlosen Hsss herab, erwiderte dann Rattlors Blick und nickte.
„Für heute wurde genug Blut vergossen.“, sagte sie mit leiser, aber fester Stimme. Dann befreite sie ihre Kameraden von den Ketten und zog davon.
Rattlor schaute ihnen nicht nach. Sein Blick war unentwegt auf den besiegten König gerichtet.
Unsicher darüber, wie sie sich verhalten sollten, blieben die anderen Schlangenmenschen im Hintergrund und warteten auf eine Reaktion des Generals. Doch dieser rührte sich nicht. Mit schier unendlicher Geduld wartete er darauf, dass King Hsss die Augen aufschlug.
Dieser schäumte vor Wut, als er erfuhr, dass Rattlor die Masters hatte ziehen lassen.
Doch der General blieb unbeeindruckt von den Worten seines Königs. Er ließ die Flüche und Beschimpfungen seines Herrn, der wieder seine menschliche Erscheinungsform angenommen hatte, wortlos über sich ergehen.
„Das wird Konsequenzen haben, Rattlor!“, donnerte King Hsss abschließend.
„Ja, dassss wird essss.“, antwortete Rattlor und brach damit schließlich sein Schweigen. Blitzschnell schoss er auf Hsss zu und packte diesen am Hals.
„Allerdingsss für euch, Majessstät.“
„Was erlaubst du dir?“, keuchte King Hsss und schnappte dabei nach Luft.
„Abermalssss ssssind eure Pläne auf erbärmliche Art und Weisssse gescheitert. Abermalssss haben wir viele Brüder und Schwesssstern verloren. Dazu wurdet Ihr auch noch von einer Frau geschlagen.“
„Dafür werde ich dich hinrichten lassen, Rattlor!“ Es waren Worte der Verzweiflung, die Hsss von sich gab, keine Drohung.
„Ihr widert mich an.“ Rattlor schleuderte Hsss zu Boden. Dann riss er sich seinen Brustharnisch vom Körper und warf ihn seinem einstigen König vor die Füße. „Ich stehe nicht mehr länger in euren Dienssssten.“
Das Schlangenvolk war nun endgültig gespalten. Dennoch hatte King Hsss Recht behalten. Der Brunnen der Dunkelheit hatte abermals eine entscheidende Rolle in der Geschichte des Schlangenvolkes gespielt. Wie zuvor in grauer Vorzeit war es jedoch kein Kapitel des Triumphes, das sich an diesem unheiligen Ort zugetragen hatte. Es war vielmehr ein Nachruf.
Ein Nachruf auf die längst vergangene Glorie der Schlangenmenschen.
*
Letzten Endes waren nur Snake-Face und ein paar vereinzelte Fußsoldaten bei Hsss geblieben. Tung Lashor hatte sich Rattlor angeschlossen und Kobra Khan war auf dem Weg nach Snake Mountain. Er hegte die Hoffnung, dass Skeletor ihn wieder in seine Dienste aufnehmen würde. Je mehr er sich von seinem einstigen König entfernte und je näher er dem Schlangenberg kam, desto klarer wurde ihm, dass er von den anderen nie als wahrer Schlangenmensch akzeptiert worden war. Zuviel Zeit lag zwischen ihnen, die Jahrtausende in der Verbannung überdauert hatten und ihm, der erst vergleichsweise kurz in dieser Welt weilte.
Als Khan schließlich Snake Mountain erreichte, wurde er von Beast-Man in Skeletors Thronsaal geführt. Augenblicklich warf sich der Schlangenmensch vor dem Herrn des Bösen in den Staub und winselte um Vergebung. Skeletor sah diesem Schauspiel von seinem Knochenthron aus eine Weile hocherfreut zu. Wog dabei ab, ob er Khan qualvoll töten sollte oder ob er ihn gebrauchen konnte. Er entschied sich für letzteres.
„Ich vergebe dir.“, sagte Skeletor kurz und knapp.
„Oh bitte, verschont mi-“ Khan glaubte zunächst nicht, was er da hörte. „Wie?“
„Ich sagte: Ich vergebe dir.“ Skeletor erhob sich von seinem Thron und ging auf den Schlangenmenschen zu. „Aber ich möchte, dass du etwas für mich tust.“
„Alles was du willst, Meister!“
„Ich möchte, dass du zu King Hsss zurückkehrst.“
Erneut glaubte Khan seinen Ohren nicht trauen zu können.
„Ich soll zu King Hsss zurückkehren?“, fragte er verunsichert nach. „Aber warum?“
„Nun, ich gedenke Hsss bei mir aufzunehmen. Aber damit er mich nicht hintergeht, brauche ich einen Spion in den Reihen der Schlangenmenschen, der mich über mögliche Schritte vorwarnt.“
„Aber…“
„Wenn Eternia erst mir gehört, werde ich dich für deine Dienste fürstlich belohnen, Khan. Ich werde King Hsss töten und dich als neuen Herrscher des Schlangenvolkes einsetzen.“
Die Augen von Kobra Khan begannen zu leuchten.
„Ihr seid zu großzügig, Herr. Ich werde sogleich aufbrechen, um meine Mission in Angriff zu nehmen.“
*
Nachdem Khan fort war, trat Trap-Jaw aus den Schatten heraus, die ihn vor den Blicken des Schlangenfürsten verborgen hatten.
„Ein großzügiges Angebot für einen Verräter.“, bemerkte er trocken.
Skeletor lachte amüsiert.

„Ich habe ihm lediglich versprochen, dass er herrschen wird. Ich habe nicht gesagt, wo das sein wird. Ja, er wird sicherlich einen hervorragenden König abgeben – in der Verbannung der ewigen Leere.“
Schallendes Gelächter drang durch die finsteren Hallen und Flure von Snake Mountain.
*
Während Kobra Khan sich dazu entschlossen hatte, zu Skeletor zurückzukehren, hatte Rattlor sich für einen anderen Weg entschieden. Zusammen mit Tung Lashor, welcher sich ihm angeschlossen hatte, hatte er Eternia verlassen, um sein Glück auf einem neuen Planeten zu versuchen. Mit Hilfe des Zauberers Marzo waren sie in der fremden Welt angekommen und standen nun vor den Toren ihrer neuen, zukünftigen Heimat.
Schwarze Rauchwolken verdunkelten den Himmel, während vor ihnen ein metallenes Ungetüm seine gierigen Klauen in den Himmel zu strecken schien.
Endlich waren sie angekommen. Vor ihnen lag die Fright Zone - das Hauptquartier der Wilden Horde.