„Träume können die Welt verändern.
Im Guten und im Schlechten.“
- Überlieferte Worte von König Randor
Die Wälder Eternias erstrahlten in einem saftigen Grün und spendeten ihren Schatten jedem, der der brütenden Sommerhitze, die über das Land zog, entkommen wollte.
Die verhältnismäßig kühle Umgebung des Waldes war auch der Hauptgrund für Teela und Adam den Palast zu verlassen und außerhalb zu trainieren. Die beiden joggten nun schon eine ganze Weile auf den schattigen Pfaden entlang und es war Adam, der schließlich als erster anhielt und nach der Wasserflasche griff.

„Mach mal eine Pause, Teela.“, stöhnte er vollkommen durchschwitzt. „Ich bin total fertig.“
„Ach stell dich nicht so an.“, erwiderte Teela und hielt ebenfalls an. „Die Hitze stellt ein gutes Extremtraining dar.“
„Du bist ja verrückt.“, keuchte der Prinz. „Von wegen Extremtraining. Das hier ist extremer Wahnsinn. Wir sollten bei dieser Hitze am Strand liegen und uns entspannen.“
„Ach, Adam. In den nächsten Wochen soll es sogar noch heißer werden. Stell dir vor, Skeletor würde uns dann angreifen. Was wirst Du dann tun? Dein Schwert niederlegen und den Herrn des Bösen einfach einmarschieren lassen, weil Du nicht schwitzen möchtest?“
„Bei dieser Hitze rührt auch der Herr des Bösen keinen Finger.“, sagte Adam und setzte sich demonstrativ auf einen Felsbrocken.
„Oh Adam!“, rief Teela wütend. „Wie willst du je ein guter König werden, wenn du deinen Gegner dermaßen unterschätzt?“
„Hör zu Teela. Das war ein Scherz. Ich will doch nur eine Pause einlegen.“, verteidigte sich Adam.
„Genau.“, erwiderte die junge Frau und joggte wieder los. „Und ich eben ni-“
Noch ehe sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, brach Teela bewusstlos zusammen.
Entsetzt sprang Adam auf und eilte zu ihr. Das tägliche Training war nun definitiv beendet.
***
Am Abend des gleichen Tages suchte Adam die Freundin in ihren Gemächern auf. Der königliche Arzt hatte ihr strengste Bettruhe verordnet, nachdem er als Ursache für den Kreislaufkollaps totale Übermüdung diagnostiziert hatte.
„Geht es Dir besser?“, fragte Adam fürsorglich.
„Ein wenig.“, antwortete Teela. „Ich schlafe in letzter Zeit nur sehr schlecht. Das ist alles.“
„Nachdem was der Arzt gesagt hat, hast du überhaupt nicht geschlafen.“
„Nun ja, es ist seltsam.“, während sie erzählte ließ die junge Frau ihren Kopf in das Kissen sinken. „Ich lege mich zur gleichen Zeit wie sonst auch immer ins Bett, schlafe dann auch zügig ein, aber…“
„Aber?“, hakte Adam nach.
„Aber schon nach kurzer Zeit wache ich wieder auf und dann schlafe ich nicht mehr ein.“
„Arbeitest Du vor dem Schlafengehen vielleicht noch an deinen Berichten?“ Adam deutete auf Teelas Computer. „Könnte sein, dass dich die Arbeit bis in deine Träume verfolgt und du deshalb nicht schlafen kannst.
„Das ist es nicht.“, Teela richtete sich wieder auf. „Ich kann mich schon seit Tagen nicht mehr dazu aufrappeln die Berichte zu schreiben. Die Arbeit häuft sich langsam.“
Die junge Frau schüttelte den Kopf.
„Und was Träume angeht, so hatte ich auch seit Tagen keine mehr.“
„Aber das ist doch unsinnig.“, meinte Adam. „Man träumt immer. Man kann sich nur nicht jedes Mal daran erinnern.“
Teela lächelte. „Du hast wohl Recht. Auf jeden Fall hat mir mein Arzt ein paar Schlaftabletten gegeben, die mir das Einschlafen erleichtern sollen. Vielleicht normalisiert sich dadurch wieder alles.“
„Vielleicht.“, erwiderte der Prinz zuversichtlich. Wenngleich ihm sein inneres Gefühl einen ganz anderen Eindruck vermittelte.
***
Adams Gefühl sollte sich bewahrheiten als in den nächsten Tagen immer mehr Bürger Eternias über Schlaflosigkeit klagten und mit ihr eine zunehmende Lustlosigkeit einherging. Immer mehr Leute vernachlässigten ihre täglichen Pflichten und selbst private Tätigkeiten und Hobbys, die sie sonst mit großem Eifer verfolgten, blieben auf der Strecke. Die meisten waren sogar derart antriebslos, dass sie nicht einmal mehr ihre Häuser verließen.
Das mysteriöse Phänomen machte auch vor den Masters of the Universe nicht halt.
Nachdem Teela die Erste gewesen war, die entsprechende Symptome aufgezeigt hatte (mittlerweile konnte auch sie sich nicht mehr dazu motivieren ihre Gemächer zu verlassen), waren mittlerweile auch Fisto, Man-E-Faces, Stratos und die anderen der allgemeinen Lustlosigkeit zum Opfer gefallen.
Die einzigen Ausnahmen waren Buzz-Off, Orko und Prinz Adam. Wobei sich bei letzterem in der vergangenen Nacht zum ersten Mal die Symptome gezeigt hatten. Die Lustlosigkeit war bei ihm somit noch nicht so weit fortgeschritten, wie bei den anderen Masters. Bevor sich sein Zustand verschlechterte, musste er also unbedingt handeln. So entschied sich der Prinz zusammen mit dem Herrn der Wespen und dem kleinen Magier vom Planeten Trolla, die Hüterin von Castle Grayskull aufzusuchen. Wenn jemand die Zusammenhänge, die hinter dieser mysteriösen Schlaf- und Antriebslosigkeit steckten, kannte, dann war sie es.
***
Eine übermüdete Sorceress empfing Adam und dessen Begleiter im imposanten Thronsaal von Castle Grayskull. Dunkle Augenringe hatten sich in das Gesicht der jungen Frau gegraben.

„Entschuldigt mein Erscheinungsbild.“, sagte die Sorceress mit einer Stimme, die noch leiser war als sonst. „Aber ich habe die letzten Nächte nicht sonderlich gut geschlafen.“
„Dieses mysteriöse Phänomen hat also selbst dich befallen.“, stellte Adam besorgt fest.
„Phänomen? Wovon sprichst du?“, erkundigte sich die Frau im Adlerkostüm.
„Du hast es nicht mitbekommen?“, wunderte sich Orko, welcher an Adams Seite schwebte. „Ganz Eternia leidet unter Schlaflosigkeit und legt keinerlei Elan mehr an den Tag.“
„Nur Orko und das Wespenvolk…“, Adam zeigte dabei auf Buzz-Off, welcher ehrfürchtig die große Halle bewunderte. „…sind nicht betroffen.“
„Ich verstehe.“, die Sorceress erhob sich von ihrem Thron und ging auf den magischen Spiegel zu. Jenes mystische Artefakt war ein allsehendes Fenster in die Außenwelt und konnte der Hüterin von Graykull jeden Ort auf Eternia zeigen. Auf einen Fingerzeig hin eröffnete der Spiegel der Sorceress einen Blick in die Umgebung des königlichen Palastes. Die sonst so lebhaften Straßen von Eternis waren leergefegt und nur hier und da saßen vereinzelte Bürger lustlos am Wegrand.
„Es erfüllt mich mit großer Sorge, dass ich diese Gefahr nicht kommen sah.“
„Kannst du uns denn helfen?“, fragte Adam. „Weißt du was dahinter steckt?“
„Vielleicht.“, erwiderte die Sorceress. „Aber dazu müsste ich erst in die Mystic Mountains reisen, um meine Vermutung zu bestätigen.“
„Warum nutzt du nicht den Spiegel von Grayskull?“, fragte Orko vorlaut. „Du hast uns doch mal erzählt, dass man damit jeden Winkel Eternias einsehen kann.“
„Nun ja, auch der Spiegel hat seine Grenzen, Orko. Außerdem muß ich persönlich vor Ort sein, um meine These zu überprüfen.“
„Gut, dann werden wir dich begleiten!“, rief Adam entschlossen. „Die Mystic Mountains sind zu gefährlich, um sich allein dort hinzubegeben.“
„Ich fühle mich geschmeichelt durch euer mutiges Angebot und nehme es dankend an.“, lächelte die Sorceress und öffnete ein Dimensionstor, das sie und die Helden direkt in die Mystic Mountains führen würde.
***
Adam sah sich vorsichtig um. Der Ort, an den sie das magische Tor geführt hatte, lag irgendwo im Herzen der Mystic Mountains auf einem abgelegenen Gebirgspfad.
„Dieser Ort ist selbst mir unbekannt.“, kommentierte Buzz-Off den ersten Eindruck, den er von der neuen Umgebung gewonnen hatte. „Dabei kenne ich mich in den Mystic Mountains für gewöhnlich recht gut aus.“
„Die Mystic Mountains bergen viele Geheimnisse – selbst für jene, die sie ihr Zuhause nennen.“, erklärte die Sorceress geduldig.
„Was gibt es denn hier besonderes?“, fragte Orko vorlaut. Er konnte seine Neugier keineswegs verbergen und schwebte aufgeregt hin und her. „Ein magisches Orakel? Ein allwissender Einsiedler? Eine geheimnisvolle Rose?“
„Keine Rose.“, lächelte die Sorceress sanft. „Aber ein Baum.“
Orko sah die Hüterin von Grayskull mit großen Augen an.
„Ein B-a-u-m?“, wiederholte er ungläubig.
„Du wirst es gleich sehen.“, mit diesen Worten breitete die Sorceress ihre Arme aus, so dass ihr edles Adlerkleid seine volle Pracht entfaltete. Die rotblauen Federn glänzten durch die hellen Sonnenstrahlen und übten so mit ihrem Lichtspiel auf die Anwesenden eine ungeheure Faszination aus. Die Zauberin selbst konzentrierte sich derweil auf eine magische Formel, die Sekunden, nachdem sie ausgesprochen war, im harten Fels der Gebirgswände einen Durchgang öffneten, der scheinbar ins Innere des Berges führte.
„Folgt mir.“, wandte sich die Sorceress wieder an ihre Begleiter und ging durch die neu entstandene Öffnung.
***
Jenseits des Tores offenbarte sich den Masters im Innern des Berges ein riesiger Garten, der aus einem Meer von Blumen bestand. Die Pflanzen ließen jedoch ihre Köpfe hängen und waren am verwelken. Insgesamt machte der Garten einen recht verwahrlosten Eindruck auf seine Besucher.

„Wie ich befürchtet habe.“, murmelte die Sorceress.
„Was meinst Du?“, fragte Adam, welcher trotz allem von dem Ort fasziniert war. Denn obwohl sie sich im Innern des Berges befanden, hatte diese Höhle – oder was auch immer es war – einen von dunklen Wolken durchsetzten Himmel. „Was ist das für ein Ort?“
„Dies ist der Garten der Träume.“, erklärte die Hüterin von Grayskull und ging weiter durch die verwelkten Blumenfelder. „An diesem heiligen Ort werden die Träume der Menschen aufbewahrt. Der Baum der sterbenden Zeit webt aus ihnen einen harmonischen Teppich, mit dem er den gesamten Planeten einhüllt.“
„Der Baum der sterbenden Zeit?“, diesmal war es Buzz-Off der nachfragte.
Die Sorceress zeigte als Antwort in die Mitte des riesigen Gartens. Nun erst, fiel Adam, Buzz-Off und Orko ein gewaltiger Baum auf, der auf einem kleinen Hügel stand und über das Blumenmeer zu thronen schien.
Waren der Prinz und seine Begleiter bisher von der Unmenge an Blumen an einem ungewöhnlichen Ort wie diesem, beeindruckt gewesen, so setzte der Baum durch sein imposantes Erscheinungsbild noch eins drauf. Seine gewaltigen Äste waren auf der Westseite mit lauter kleinen Knospen übersät, auf der Südseite trugen sie jedoch kräftige Blätter. Die Ostseite des Baumes war geprägt durch rote und gelbe Blätter, die nach und nach zu Boden segelten und die Nordseite war schließlich vollkommen kahl.
„Wie ihr sehen könnt, vereint dieser eine Baum alle vier Jahreszeiten in sich.“, erklärte die Sorceress. „Daher nennt man ihn den Baum der sterbenden Zeit.“
„Und dieser Baum hat noch mal was?“, fragte Adam während er langsam um den Baum herum lief und ihn sich von allen Seiten betrachtete.
„Er webt einen Traumteppich. Anders ausgedrückt: Wenn wir uns schlagen legen, schickt der Baum unsere Träume, welche tagsüber in diesem Garten aufbewahrt werden, zu uns zurück. Jede dieser Blumen steht für den Traum eines Menschen auf Eternia.“
„Aber die Blumen sind alle verwelkt, Sorceress.“, warf Orko besorgt ein.
„Ja und das ist auch der Grund warum uns unsere Träume nicht mehr erreichen. Und wenn uns unsere Träume nicht mehr erreichen, können wir auch nicht mehr Schlafen.“
Die Sorceress sah sich den Baum der sterbenden Zeit aus der Nähe an. Ein Ast war abgebrochen worden.
„Jemand hat das Heiligtum geschändet. Der Baum stirbt und mit ihm sterben unsere Träume.“
„Was können wir tun?“, fragte Adam.
„Die Wächterin der Träume kann uns vielleicht helfen. Sie ist für den Garten verantwortlich.“
Die Sorceress bewegte sich in Richtung Ausgang.
„Würdest du mich zu ihrem Unterschlupf begleiten, Adam?“
„Ja, natürlich. Aber was ist mit Orko und Buzz-Off?“
Die Sorceress wandte sich an die besagten Freunde: „Ihr beiden verweilt bitte im Garten bis Adam und ich wieder zurück sind. Wer auch immer für die Schändung des Heiligtums verantwortlich ist, könnte zurückkommen. Ihr müsst verhindern, dass er oder sie noch größeren Schaden anrichten.“
„Ich schwöre, den Baum mit meinem Leben zu schützen.“, entgegnete Buzz-Off. „Aber erlaubt mir noch eine Frage, weise Hüterin von Grayskull.“
„Sie sei dir gestattet.“
„Wenn dir Träume die Bewohner von Eternia nicht mehr erreichen, warum sind Orko und das Wespenvolk nicht davon betroffen?“
„Nun dies liegt daran, dass eure Träume an anderer Stelle aufbewahrt werden. Man sollte meinen, dass nur Orko diesen augenblicklichen Vorteil genießt, da er aus einer anderen Welt stammt, aber auch das Wespenvolk hat über die Jahrtausende hinweg eine eigenständige Entwicklung durchlaufen. Eure Träume werden im Herzen eures Wespennests aufbewahrt.“
Buzz-Off zeigte sich zufrieden mit dieser Erklärung und wünschte Adam und der Sorceress viel Glück auf ihrem Weg.
***
Der Garten der Träume lag schon eine Weile hinter ihnen als die Sorceress plötzlich anhielt.
„Unser Ziel ist eine Höhle nahe der Bergspitze. Der Weg dorthin ist sehr gefährlich.“, meinte sie zu Adam. „Es wäre ratsam, dich in He-Man zu verwandeln.“
„Ich verstehe.“ Adam zog ohne weitere Wort zu verlieren sein Zauberschwert und streckte es in den Himmel, um anschließend die magische Formel auszurufen, die ihn in den stärksten Mann des Universums verwandelte.
***
Zur gleichen Zeit befanden sich Buzz-Off und Okro noch immer im Garten der Träume. Wobei sie längst nicht mehr so unbeobachtet waren, wie sie sich glaubten.
Am Eingang des Heiligtums hielten sich Rattlor und Kobra Khan in den Schatten verborgen und verfolgten jeden Schritt, den die Helden taten.
„Unssser König hatte Recht.“, flüsterte Kobra Khan. „Die Mastersss haben sssich tatsssächlich hier eingefunden, um den Baum der sterbenden Zeit in Augenschein zu nehmen.“
„Ja, allerdingsss ist He-Man nicht unter ihnen.“, antwortete der General. „Lediglich der Herr der Wessspen und der verrückte Zauberer vom Planeten Trolla halten sich im Garten der Träume auf. Sie sind keine Gegner für uns falls das Unmögliche geschehen sollte und der Baum sich erholen sollte, knüppeln wir die beiden ganz einfach nieder und entweihen den Baum erneut.“
***
Inzwischen hatten He-Man und die Sorceress die Gefahren des Aufstiegs überwunden und ihr Ziel erreicht. Vor ihnen lag der Aufenthaltsort der Wächterin der Träume.
Vorsichtig betraten die beiden Besucher die vor ihnen liegende Höhle mit der Hoffnung die Wächterin schnellstmöglich zu finden. Doch ihre Sorgen waren vergebens, da die Wächterin [b]sie[/b] fand und sie zu sich ins Innere der Höhle teleportierte.
Als He-Man und die Sorceress die Orientierung zurück gewannen, befanden sie sich in einer nicht sehr großen Grotte, in deren Mitte eine kleine Quelle sprudelte, welche sich zu einem kleinen Teich ausgebreitet hatte. Über dem Gewässer schwebte eine anmutige Frau deren Körper lediglich aus dem reinen Wasser der Quelle zu bestehen schien.
Um das Gewässer herum standen jede Menge Elfenkinder, die die Eindringlinge misstrauisch beäugten. Ihre Gesichter schimmerten, so wie die ganze Grotte, im hellen Licht der Kristalle, die auf dem Grund des kleinen Gewässers zu finden waren. Die Wellen auf der Wasseroberfläche erzeugten dabei wunderschöne Lichtmuster, die sich in der Umgebung widerspiegelten.
„Was führt euch zu mir?“, fragte die Wächterin mit engelsgleicher Stimme.
„Der Baum der sterbenden Zeit wurde entweiht.“ Es war die Sorceress die Antwortete. „Wir sind gekommen, um dieses Unrecht wieder gutzumachen.“
„Und ihr glaubt, dass das so einfach geht?“, erwiderte die Wächterin. „Der Schlangenkönig ist in den Garten der Träume eingedrungen, hat einen Zweig vom Baum der sterbenden Zeit abgebrochen und somit den Menschen die Fähigkeit zum Träumen genommen. Wären die Träume der Menschen auf Eternia stark genug gewesen, wäre ihm das niemals gelungen.“
„Wie meinst Du das?“; nun war es He-Man der sprach.
„Es ist ganz einfach. Jeder Mensch wird von dieser Quelle, die ihr hier seht, bei seiner Geburt mit einem Traum gesegnet. Er stellt quasi die Wurzel für alle späteren Träume dar, welche im Laufe eures Lebens in euch heranreifen. Als Kind ist man mit diesem ‚Ur-Traum’ noch relativ eng verbunden, mit dem Erwachsenwerden verliert er sich jedoch in einem Wirrwarr aus Sehnsüchten, Verlangen und Begierde. Hätte sich auch nur ein einziger Erwachsener seinen Kindheitstraum in seinem Herzen bewahrt, würde der Garten der Träume nun nicht im Sterben liegen. Die jüngsten Vorfälle lehren uns doch nur eines: Träume niemals von den Träumen der Erwachsenen, denn wirklich wahre Träume haben ganz allein die Kinder.“
Die Elfenkinder, die um die Quelle herumstanden, griffen den letzten Satz der Wächterin auf und wiederholten ihn immer wieder, so dass ein regelrecht gespenstiger Kanon daraus wurde:
„Träume niemals von den Träumen der Erwachsenen, denn wirklich wahre Träume haben ganz allein die Kinder.“
„Das ist nicht wahr!“, rief He-Man trotzig und seine Worte hallten in der Grotte
wieder, als wollten sie den Einspruch des Helden unterstreichen. „Oft ist es eben nicht so einfach seine Träume zu verwirklichen. Das bedeutet aber nicht, dass man sie deswegen vergisst.“
Die Elfenkinder verstummten in ihrem Kanon und die Wächterin blickte He-Man tief in seine blauen Augen, als wolle sie bis auf den Grund seinen Herzens sehen.
„Du scheinst mir jemand zu sein, der seine Träume nicht so schnell aufgibt und der dazu bereit ist unter Umständen sogar für sie zu kämpfen.“, sagte sie schließlich. „Nun gut. Ich werde dich einer Prüfung unterziehen. Hast Du Dir deinen Kindheitstraum im Herzen bewahrt und ist er stark genug, kann ich mit ihm vielleicht sogar den Baum der sterbenden Zeit retten.“
„Ich bin zu allem bereit.“, antwortete He-Man. „Sag mir was ich tun soll.“
„Betrete die Quelle vor dir und versuch dich an deinen Kindheitstraum zu erinnern. Ich übernehme dann den Rest. Sei aber gewarnt! Diese Quelle ist der Ursprung aller Träume. Wenn du sie betrittst, wirst du von einer Flut an Träumen heimgesucht, so dass es möglich sein kann, dass sich dein Geist auf ewig verirrt. Wenn du noch immer dazu bereit bist, dann tritt nun vor.“
„Ich glaube an dich, He-Man.“, sprach die Sorceress mit ruhiger Stimme dem Helden Mut zu.
Sie konnte nicht viel tun außer zusehen.
He-Man hingegen musste diese Prüfung bestehen, wenn er die Träume Eternias retten wollte und so setzte er vorsichtig seinen rechten Fuß in das Gewässer vor ihm. Er trat einen Schritt vor, so dass er schließlich bis auf die Waden im Wasser stand.
Die Wächterin der Träume schwebte nun an ihn heran und berührte vorsichtig mit ihrer linken Hand He-Mans Brust.

Plötzlich lockerten sich sämtliche Muskeln im Körper des Helden und während er sanft zu schweben begann, fielen seine Arme schlaff zur Seite und sein Kopf wippte nach hinten. Sein Blick wurde vollkommen leer und dann brachen Millionen von Träumen gleichzeitig über ihn herein.
***
Zur gleichen Zeit erstrahlte der Baum der sterbenden Zeit im Garten der Träume in einem strahlenden Licht und die Schlangenmenschen, die die Situation bisher nur beobachtete hatten, sahen den Moment gekommen, aktiv in das Vorgehen einzugreifen.

„Vorsicht, Orko!“, rief Buzz-Off, der die Eindringlinge zuerst entdeckt hatte. „Zwei Schlangenkrieger sind in den Garten eingedrungen und kommen auf uns zu.“
„Das sind Rattlor und Kobra Khan!“, keuchte der kleine Zauberer aufgeregt. „Sie wollen die Heilung des Baumes stören.“
„Wahrscheinlich glauben sie, dass sie mit uns leichtes Spiel haben“, entgegnete der Herr der Wespen. „Laß uns ihnen eine Lektion erteilen, die sie nicht so schnell vergessen werden.“
***
„Was ist mit ihm?“, fragte die Sorceress, welche He-Man keinen Moment aus den Augen ließ. Der Held schien in einen tranceähnlichen Zustand verfallen zu sein.
„Er kämpft gegen seine inneren Geister.“, erwiderte die Wächterin. „Er wird es letzten Endes nicht schaffen. Erwachsene verfallen zu leicht ihren Begierden und ihrem Verlangen.“
„Ihr solltet ihn nicht unterschätzen.“, ein zuversichtliches und freundliches Lächeln zauberte sich auf die Lippen der Sorceress. „Die Mächte von Grayskull haben ihn nicht umsonst auserwählt.“
„Nun, wir werden sehen.“
***
Im Garten der Träume war Buzz-Off derweil auf einen hinterhältigen Trick der Schlangenmenschen hereingefallen und von Kobra Khan in Tiefschlaf versetzt worden.
Orko schwebte besorgt über dem Freund hin und her und versuchte vergeblich ihn zu wecken.
Die Schlangenmenschen beachteten ihn gar nicht. Für sie war der Trollaner keine Bedrohung.
Sie widmeten sich viel lieber dem Baum der sterbenden Zeit.
„Diesssesss Mal sssoltten wir kein Risssiko eingehen.“, zischte Kobra Khan. „Ich werde mir meiner Sssäure den Baum vollends vernichten.“
Der Fürst der Schlangen breitete seinen Kragen aus und spie sein Gift auf den Baum der sterbenden Zeit. Die Säure zersetzte das Gewächs innerhalb weniger Sekunden und es blieb nichts als ein kümmerlicher Stamm übrig, der unter einem lauten knarren zur Seite abbrach.
„Sssoviel zu den Träumen der Menschen.“, lachte Rattlor.
***
Als der Baum der sterbenden Zeit verging, wurde He-Mans Körper von schrecklichen Krämpfen geschüttelt und die Wächterin der Träume klatschte zu Boden. Ihr aus reinem Wasser bestehender Körper begann damit seine Form zu verlieren.
„Es ist vorbei.“, keuchte sie. „Die Eindringlinge haben das Heiligtum zerstört. Nun ist alles au-“
Die Wächterin wurde von einem gleißenden Licht unterbrochen, welches aus He-Mans Brust kam und sich schließlich in eine Art kleine Seifenblase verwandelte. Das Gebilde schwebte auf die Sorceress zu, welche einen kurzen Blick in sein Inneres warf.
„Ich sehe einen kleinen Jungen, der mit seinem Holzschwert ein Mädchen vor einem Monster beschützt.“, die Hüterin von Grayskull lächelte und ließ die kleine Blase wieder frei, woraufhin diese Richtung Ausgang schwebte. „Er träumte davon ein Held zu werden, der die Schwachen beschützt. Wie könnte es auch anders sein?“
„Unglaublich.“, flüsterte die Wächterin der Träume ehrfürchtig. „Er hat es tatsächlich vollbracht seinen Kindheitstraum zu entfesseln.“
***
Als die kleine Traumblase den Garten der Träume erreicht, schwebte sie elegant an den Schlangenmenschen vorbei und tauchte dort in die Erde ab, wo zuvor der Baum der sterbenden Zeit gestanden hatte. Ein gleißendes Licht blendete kurz darauf die Eindringlinge und dort wo die Traumblase verschwunden war, wuchs ein kleiner Sprössling aus der Erde.
„Dasss issst unmöglich.“, keuchte Kobra Khan. „Ein Abkömmling des Baumsss der sterbenden Zeit!“
„Worauf wartest Du noch?“, zischte Rattlor. „Vernichte ihn mit deinem Gift!“
Kobra Khan tat wie ihm geheißen, doch diesmal blieb sein Angriff ohne Wirkung. Auch alle weiteren Versuche den Baum zu vernichten scheiterten.
Stattdessen gewannen die Blumen im Garten der Träume ihre Kraft zurück und begannen wieder zu blühen. Die dunklen Wolken, die den blauen Himmel bedeckt gehalten hatte, verzogen sich ebenfalls und der Garten strahlte eine paradiesische Wärme aus.
Unbehagen und Angst breiteten sich in den Schlangenmenschen aus, so dass sie schließlich türmten und nur Orko und Buzz-Off blieben zurück.
Der Garten der Träume war gerettet.
***
Wenige Tage später kehrte die Normalität nach Eternia zurück und Adam erzählte Man-At-Arms von den Erlebnissen im Garten der Träume.
„Also war es dein Traum, der den Baum der sterbenden Zeit gerettet hat?“, fragte der Waffenmeister.
„Ja, so ist es.“ Adam war es ein wenig peinlich über seinen Traum zu sprechen, also lenkte er das Gespräch schnell in eine andere Richtung. „Der neugeborene Baum ist aber noch recht klein. Die Wächterin der Träume meinte aber, dass er durch die Träume der Menschen schnell wachsen würde.“
„Was geschieht, wenn King Hsss den Baum erneut zu entweihen versucht?“
„Die Sorceress und die Wächterin haben den Garten der Träume mit einem starken Siegel versehen. Selbst wenn er es versuchen sollte, es wird ihm nicht gelingen auch nur einen Fuß in den Garten zu setzen.“
„Es ist übrigens schön, dass du noch immer an deinen Traum aus Kindertagen glaubst.“, meinte Man-At-Arms, der das Gespräch wieder in eine Richtung lenkte, die Adam überhaupt nicht gefiel. „So etwas findet man heute wirklich viel zu selten.“
„Adam! Wo steckst Du? Versuchst Du dich wieder vor dem Training zu drücken?“, es war die Stimme Teelas, die Adam genau im richtigen Moment aus dem Gespräch riss und ihm einen Vorwand lieferte, nicht mehr über seinen Traum sprechen zu müssen.
„Ich komme Teela.“, rief er der Oberbefehlshaberin der königlichen Leibgarde entgegen und verabschiedete sich von Man-At-Arms, um Teela entgegen zu eilen.
Die junge Frau hatte sich mittlerweile von den Strapazen der Schlaflosigkeit erholt und ihr Gesicht glänzte in alter Schönheit in den Strahlen der Morgensonne. Dazu wehten ihre roten Haare im Wind und ihre Augen funkelten wie zwei wertvolle Edelsteine.
Der Prinz sah Teela verzaubert an. Nur für einen Moment. Aber wäre es nach ihm gegangen, hätte dieser Moment eine Ewigkeit anhalten können.
Wie könnte ich diesen Traum jemals vergessen? Wo das Mädchen daraus mir doch jeden Tag auf’s Neue gegenübersteht…