He-Man.de08.02.2012
Startseite » Specials » Dark Legacies - Dunkles Vermächtnis » Dark Legacies - Kapitel 2

Dark Legacies - Kapitel 2

Kapitel 2 - Teil 1

 

Die gewaltige, gähnende Zugbrücke von Schloss Grayskull senkte sich herab und überbrückte die stillen Wasser des Burggrabens, der die mächtigen Mauern aus weißem Marmor umgab.

„Die Festung deines Vaters ist wirklich seltsam, mein Freund“, wandte sich Light Hope an He-Ro, der neben ihm im Transporter saß. „Sie ist gleichzeitig wunderschön mit ihren glänzenden Mauern und goldenen Reliefs, und furchteinflößend mit dem schrecklichen Antlitz.“

„In der Tat“, stimmte ihm der braunhaarige Prinz zu und sah zu der Burg auf. „Es war die Absicht meines Vaters, seinem Volk zu zeigen, dass er nobel und gütig ist, und seinen Feinden, dass er ein nicht zu unterschätzender Gegner sein kann.“

„Er hat sein Ziel erreicht, wenn ich das hinzufügen darf“, brummte Eldor von der anderen Seite der Kutsche herüber. „Während der mehr als zwanzig Jahre meines Dienstes an Seiner Hoheit war keiner waghalsig genug, einen Angriff auf Schloss Grayskull zu führen.“

„Nicht einmal die Schlangenmenschen, das kaltblütige Ungeziefer...“, bestätigte He-Ro.
 

Das Trio schritt zügig durch die zahlreichen Gänge von Schloss Grayskull. Light Hope fuhr fort, die erlesenen Wandteppiche und Statuen zu bewundern, die die trutzige Festung schmückten.
„Seid gegrüßt, Eure Majestät“, rief Eldor beim Betreten der prächtigen Festhalle.
Unter enormen scharlachroten Bannern, auf denen das Kreuzwappen von Grayskull prangte, saß König Grayskull selbst bereits an der langen Banketttafel. Sein Ehrensitz aus weißem Marmor war kaum zu sehen unter den massiven Muskeln seines Oberkörpers. Die langen blonden Haare des Königs waren ordentlich hinter seine Schultern zurückgekämmt, nicht zerzaust wie auf dem Schlachtfeld üblich.
„Willkommen, meine Freunde!“, antwortete der König, und erhob sich zu seinen vollen sieben Schritt Körpergröße. Seine Stimme hallte von den Mauern wider, hinauf zur Decke weit oben und die kristallenen Oberlichter hinaus.
„Vater, wie ist die Schlacht in Gar Farian verlaufen?“
„Zufriedenstellend, He-Ro“, antwortete Grayskull, und nahm gemeinsam mit den anderen wieder Platz. Der Prinz saß zur Rechten des Königs, Light Hope neben ihm. Eldor saß links neben dem König, zwischen beiden blieb ein Stuhl unbesetzt.
„Wir konnten die Schlangenmenschen einmal mehr zurück in ihre dampfenden Urwälder treiben. Leider hat der schreckliche Snake Face die Leben vieler Farianer gefordert, bevor wir eingetroffen sind.“
„Abscheuliches Gezücht“, bemerkte Light Hope angewidert.
„Ich werde Euch da nicht widersprechen, Sohn von Eldor.“
„Wo sind Ihre Gnaden?“, fragte Eldor und deutete auf den leeren Platz neben sich.
König Grayskull seufzte, bevor er zu seiner Antwort ansetzte. „Das Werk einer Zauberin ist nie getan. Veena bestand darauf, in Gar Farian zu bleiben, um sicherzustellen, dass die Schlangenmenschen nicht zurückkehren. Ich habe versucht sie zu überzeugen, dass unser Waffenschmied sie bis zu unserer Rückkehr in Schach halten kann, aber sie zieht es vor, in ihrer Falkengestalt über das Dorf zu wachen.“
„Das ist meine Mutter“, strahlte He-Ro, mit deutlichem Stolz in der Stimme.
„Jetzt erzählt mir“, fuhr der König fort, als die Dienerschaft mit dem Auftragen des Mahls begann, „wie war die heutige Zusammenkunft des Rates?“ Er richtete seine hellblauen Augen auf Light Hope.
„Sie hätte wesentlich schlimmer sein können“, antwortete Light Hope und hielt kurz inne, um sich bei einem Diener für das Glas Weißwein zu bedanken, das ihm soeben eingeschenkt wurde. „Lady Shokoti hat Prälat Horüd vom Rat verbannt, und zum Glück hat er uns ohne einen Zwischenfall verlassen.“
 

 

Light Hope machte eine weitere Pause und zögerte kurz, bevor er fortfuhr: „Darf ich Euch eine Frage stellen, Euer Hoheit?“

König Grayskull schluckte ein großes Stück gerösteten Fasan hinab. „Ihr wollt wissen, warum ich Euch eingeladen habe, mit Eurem Vater und meinem Sohn heute Abend hierher zu kommen.“

„Ja“, antwortete Light Hope und lief verlegen rot an, was in Verbindung mit seiner enormen roten Mähne merkwürdig aussah. „Wenn ich so frei sein darf, Euer Hoheit, ich habe nicht mehr in dieser schönen Halle gespeist, seit ich vor fünf Jahren gegangen bin, um dem Rat beizutreten.“

„Du weißt warum, mein Junge!“, herrschte Eldor ihn an, als ob sein Sohn immer noch ein kleines Kind an der Tafel der Erwachsenen sei. „Der Rat der Weisen muss unabhängig von der Regierung arbeiten dürfen, oder die Menschen verlieren ihr Vertrauen in seine Urteile.“

Light Hope errötete noch stärker. „Das sehe ich ein, Vater, und genau darum geht es mir. Warum werde ich jetzt zurückgerufen?“ Er wandte sich nun Eldor direkt zu. „Die Menschen wissen, dass Du den Ratssitzungen als Gesandter des Königs beiwohnst, aber nicht an den eigentlichen Entscheidungen beteiligt bist. Die gleichen Leute werden sich fragen, intelligent wie sie sind, ob mein Aufenthalt hier der Erholung dient oder ob der König versucht, mich zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Das Volk muss sicher sein, dass der Rat nicht von der Politik berührt wird.“

Bevor Eldor etwas erwidern konnte, löste König Grayskull die Spannung mit einem herzhaften Lachen auf. „Es wundert mich nicht, dass Euer Sohn einen Sitz im Konzil erhalten halt.“ Er drehte sich wieder Light Hope zu, und das Lächeln verschwand augenblicklich. „Ihr seid in Gefahr.“

„Gefahr? Welcher Art?“

He-Ro antwortete, als er den erschrockenen Ausdruck im Gesicht seines langjährigen Freundes sah. „Wir befürchten, dass Horüd Rachegedanken gegen dich hegen könnte, da du es warst, der den anderen über seinen Eidbruch berichtet hat.“

König Grayskull fuhr fort: „Die magischen Barrieren, die Schloss Eternia beschützen, werden jemanden, der einmal einen Rang im Rat bekleidet hat, nicht aufhalten können. Lady Shokoti und die anderen, die über magische Kräfte verfügen, werden neue Schutzzauber errichten müssen.“

„Es ist sogar möglich, dass sie Unterstützung von der Königin und dem Rat der Ältesten benötigen“, fügte He-Ro hinzu.

„Ich verstehe.“ Light Hope nippte an seinem Wein. „Aber Vater, was ist mit dem Buch?“

„Nein!“, fuhr ihm Eldor über den Mund, und ließ seine gichtigen Hände auf den großen, staubigen Folianten vor ihm krachen. „Du weißt, wie alle anderen auch, wie mächtig – und gefährlich – das Buch der Ahnen ist! Das letzte Mal, als es benutzt wurde, um einen Zauber zu sprechen, setzte es den Schlangengott Serpos frei! Die vorigen Ältesten konnten die Bestie gerade noch aufhalten.“


 

„Aber du hast das Buch jetzt, nicht die Vorfahren der Schlangenmenschen. Du hast es ihnen gemeinsam mit König Grayskull entrissen, um Eternia zu retten“, beharrte Light Hope. „Du würdest das Buch nie für böse Zwecke benutzen!“

„Ich würde so etwas nicht absichtlich tun, nein“, stimmte Eldor zu und beruhigte sich etwas. „Dennoch ist etwas, das eine solch mächtige Kreatur wie Serpos erschaffen kann, nicht für den Gebrauch durch einen Sterblichen bestimmt.“

Kapitel 2 - Teil 2

 

Shokoti lachte boshaft, als sich die Bilder, die sie gerade in ihrem Becken betrachtet hatte, in kleinen Wellen auflösten. „Und genau deshalb muss dieses Buch mir gehören, alter Mann!“

Shokoti wirbelte herum in ihrem smaragdgrünen Gewand und kehrte auf ihren Thron zurück. Tief in der Verborgenen Wüste, nahe der Dunklen Lande, hatte Shokoti vor langer Zeit eine uneinnehmbare Feste in Gestalt einer Pyramide errichtet. Dies war ihr Rückzugsort, wo sie ihre Pläne ohne die wachenden Augen der übrigen Ratsmitglieder schmieden konnte.

Auf ihrem Thron ruhend, über ihr eine riesige goldene Statue ihrer selbst, sprach Shokoti einen Beschwörungszauber. Nach einem Lidschlag sah die Zauberin auf Horüd hinunter.


 

 

Als er begriff, dass er soeben in das Heiligtum seiner Meisterin teleportiert worden war, beeilte sich Horüd ihr zu berichten, was Hordak ihm über ihr geheimes Projekt mitgeteilt hatte.

„Dein jüngerer Bruder ist äußerst tüchtig“, antwortete sie kühl. „Er hat gute Arbeit geleistet und die Erschaffung meines Heeres beaufsichtigt, während du damit beschäftigt warst, einen Bastard zu zeugen und deinen Ratssitz zu verlieren.“

Horüds anfänglicher Enthusiasmus über die Fortschritte von Hordak verflog schnell und machte Verbitterung Platz. „Ja“, murmelte er.

Shokoti fuhr fort: „Auch wenn ich zufrieden über diese Nachricht bin, habe ich dich aus anderen Gründen hierher gerufen. Verrate mir, Horüd: Was weißt du über das Buch der Ahnen?“

Er dachte einen Augenblick nach, obwohl er zugegebenermaßen nicht viel über dessen Geschichte wusste, lediglich Gerüchte und Legenden. „Es wurde von den Ältesten verfasst“, begann er, doch der brütende Ausdruck auf Shokotis Gesicht verhieß, dass sogar dies falsch sein mochte. „Oh, und die Schlangenmenschen waren die ersten, die es bargen, und ihr Führer benutzte es, um Serpos zu erschaffen“, fügte er zögerlich hinzu.

Das letzte Stückchen Information war richtig, aber das schien nicht den Fehler davor aufzuwiegen. Shokoti sagte zu sich selbst, gerade laut genug, dass Horüd es hören konnte: „Es ist erstaunlich, wie wenig Wissen heutzutage nötig ist, um ein Ratsmitglied zu werden.“

Lauter fuhr sie fort: „Trotz des Titels, den ihm die frühen Schlangenmenschen gegeben haben, wurde das Buch der Ahnen nicht von diesen Fossilien geschrieben. Tatsächlich war es die Große Allesschaffende Hand, die diesen Planeten aus dem kosmischen Ur-Chaos vor Äonen geformt hat. Und ich will dieses Buch!“

„Aber wie soll ich an es heran kommen?“, fragte Horüd. „Eldor lässt es nie aus den Augen, und seine Magie ist der Veenas ebenbürtig!“

„Veenas Zauber wird kein Problem darstellen. Sie ist damit beschäftigt, ein winziges, unbedeutendes Nest vor einigen meiner anderen Agenten zu beschützen. Was Eldor betrifft: Er wird nicht ahnen, dass das Buch dein wahres Ziel ist.“

Horüds scharfe Augen verengten sich. „Weil sie denken, dass ich hinter diesem Schwätzer Light Hope her bin.“

„Exakt! Ihre Aufmerksamkeit wird ihm gelten, das Buch zu stehlen wird daher ein Leichtes sein.“

„Und Ihr seid sicher, dass ich in Grayskulls Schloss eindringen kann? Es wird von all diesen magischen Vorkehrungen geschützt!“


 

„Mache dir darüber keine Sorgen. Ohne die Verstärkung durch Veenas Kräfte werde ich in der Lage sein, dich direkt durch die schwächeren Barrieren des Ältestenrates zu teleportieren.“

Kapitel 2 - Teil 3

 

Der Fürst von Zalesia betrat seine privaten Gemächer und versiegelte die großen Türen hinter sich. Die Ereignisse des Tages hatten ihn ermüdet, und er war froh, wieder nach Hause zu kommen. Er näherte sich einem Teil der Wand neben seinem Bett und machte eine Handbewegung davor. Eine Reihe von Steinen verschwand und legte den geheimen Aufbewahrungsort für den Widderstab frei, den er immer dort platzierte, wenn er sich sicher wähnte. Als der Stab darin verstaut war, hob er die Hand erneut, und die Steine erschienen wieder.

„Mit diesem Stab kann man nie vorsichtig genug sein“, sprach eine weibliche Stimme aus den Schatten eines unbeleuchteten Teils des Gemachs.

Der Fürst von Zalesia schnippte mit seinen Fingern, und jede Kerze und jede Fackel in der Kammer flammten auf. Er wusste, zu wem die Stimme gehörte, aber er war dennoch erleichtert darüber, was ihm seine Augen bestätigten – zumal sie so wunderschön war. „Ve'Lyn.“

Sie lächelte ihn an. Das Gesicht der Zauberin war nur leicht vom Alter berührt, aber mit ihren blauen Augen und ihrem weißblonden Haar sah sie immer noch hinreißend aus. Sie trug ein weißes Gewand, eine bronzene Tiara und ebensolche Armschienen. Ein golden schimmernder Umhang lag um ihre Schultern. Ve'Lyn erhob sich von ihrem Stuhl und trat auf den Herrn des Hauses zu. Nach einer Umarmung flüsterte sie sachte, „Es tut so gut, dich zu sehen.“

„Und dich ebenso, Liebes“, antwortete er. „Ich wusste nicht, dass du einen Besuch hier eingeplant hast. Ansonsten wäre ich bei deiner Ankunft hier gewesen.“

Ihr Lächeln verschwand rasch. „Ich habe meine Heimat für immer verlassen“, sagte sie traurig.

„Aber warum?“, fragte er, mit unüberhörbarem Schrecken in der Stimme.


 

„Das Königreich ist verlassen, nachdem die meisten Vogelmenschen beschlossen haben, näher am Boden zu leben. Ich drängte meinen Gemahl mir zu folgen, fort von den Bergen und Wolken, doch er weigerte sich.“

„Das Ei von Avion?“

Ein bitterer Zug huschte über ihr Gesicht. „Als wir heirateten, wusste ich bereits, dass er der Hüter war. Aber ich war jung und naiv genug zu glauben, dass er für mich – und letztlich für unsere Tochter Veena – genauso da sein würde wie für dieses verfluchte Ei.
„Als Veena uns verließ und sich in diesen Barbaren-König verliebte, warnte ich sie vor den Verpflichtungen, die ihn von ihr fernhalten würden. Zu ihrem Glück hatte ich Unrecht, und der Gemahl meiner Tochter stellte sich als weit fürsorglicher und aufmerksamer heraus als es ihr Vater jemals gewesen war... zu uns beiden.“

Der Fürst von Zalesia streckte die Hand aus und strich über ihr Gesicht, sein Daumen wischte dabei zärtlich eine Träne fort. „Du verdienst auch einen Gemahl wie ihn, Ve'Lyn. Du bist die schönste Frau, die ich kenne, und auch die erste, für die ich in Erwägung ziehe, meinen Rang im Rat der Weisheit aufzugeben, um eine Familie zu gründen.“

Das zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht, und sie schmiegte sich in seine Arme. „Danke“, flüsterte sie. „Du bist immer so freundlich zu mir.“

„Dann bleibe bei mir, Ve'Lyn, und ich werde dich jeden Tag mit Worten wie diesen bedenken. Nichts würde mich glücklicher machen.“

„Das will ich!“

Kapitel 2 - Teil 4

 

Der König beendete sein Mahl als letzter, nachdem er eine dritte Portion (und dann eine vierte und fünfte) geordert hatte. „Exzellent“, brummte er, und strich mit einer mächtigen Pranke über seinen muskulösen und jetzt gut gefüllten Bauch.

„Möchten Euer Majestät ein Dessert?“, fragte der Koch begeistert.

„Danke, nein“, antwortete er grinsend. „Wenn ich auch nur einen weiteren Bissen nehme, wird es keine angenehme Nacht werden. Aber ich bin sicher, dass meine Gäste gern etwas von deinen Leckereien kosten würden“, fügte er mit einem Blick auf die erwartungsvollen Gesichter von Eldors Sohn und seines eigenen hinzu.

„Irgendwas mit möglichst viel Zucker“, lachte He-Ro.

Der Koch wankte davon, und König Grayskull erhob sich langsam von der Tafel. Er bedeutete den anderen, sitzen zu bleiben. „Wenn Ihr mich entschuldigen mögt – es war ein sehr langer Abend, und ich sehne mich nach einem friedlichen Schlaf.“

„Gute Nacht, Vater“, gab He-Ro zurück. „Ich bin froh, dass du wieder hier bist.“

„Gute Nacht, Euer Hoheit“, stimmten Eldor und Light Hope mit ein, als der König die Festhalle verließ.

Fast eine halbe Stunde später, nachdem sie sich auf die süßesten Kuchen des Kochs gestürzt hatten, waren He-Ro und Light Hope ebenfalls bereit, zu Bett zu gehen. Eldor, der sich mit einem kleinen Bissen begnügt hatte, da der Kuchen „zu süß für seine alten Geschmacksknospen“ sei, döste auf seinem Stuhl vor sich hin.

Light Hope umrundete die Tafel, um vorsichtig den Bart seines greisen Vaters von dessen Kuchenteller herunter zu schieben, als es in der Halle zu knistern begann. Hoch oben, direkt unter den Oberlichtern, explodierte ein blendender Blitz. Horüd erschien darin und hielt sich mit seinen enormen roten Schwingen in der Luft.

„Pass auf!“, schrie He-Ro, als die geflügelte Gestalt auf sie herab stieß. Der Stuhl, auf dem der Prinz gerade noch gesessen hatte, wurde von Horüds Klauen in einen Haufen Holzsplitter verwandelt. Grayskulls Sohn suchte rasch die Halle ab nach seiner magischen Waffe: dem Stab der Ahnen, von dem es hieß, dass er ebenso alt wie das Buch sein sollte, wenn auch bei weitem nicht so mächtig.

Ein mittlerweile hellwacher Eldor schleuderte Blitze gegen den Eindringling, während He-Ro zu seinem Stab rannte. Ohne ihn hatte er keinerlei eigene Kräfte. Dieser verschwand plötzlich in einem regenbogenfarbigen Schimmer, um in seiner Hand wieder aufzutauchen. Ohne Zweifel hatte Light Hope, der sich gerade unter den Tisch duckte, seine Magie benutzt, um seinem Freund zu helfen.

„Ihr werdet mich nicht aufhalten!“, schrie Horüd, schlug einen Salto und flog auf die Tafel zu.

Ein gleißender Strahl traf die Kreatur und warf sie aus ihrer Bahn gegen einen der scharlachfarbenen Wandbehänge. Rasch befreite er sich daraus und sah, dass der Angriff von He-Ro und seinem Stab gekommen war.

„Dein lächerliches Stöckchen ist für mich kein Hindernis, Junge!“, zischte Horüd und bereitete sich auf einen weiteren Angriff vor. In diesem Moment sah er König Grayskull die Halle stürmen, sein mächtiges Schwert gezückt und mit mehreren Burgwachen im Gefolge.


 

Doch bevor der Kriegerkönig die Halle betreten konnte, formte sich ein magisches rotglühendes Siegel, dass den Eingang wie ein Netz versperrte. Gut reagiert, Shokoti, dachte Horüd.

He-Ro sah die Barriere ebenfalls und wandte sich ihr zu, um sie mit seinem Zauber niederzureißen.

„He-Ro!“, schrie Eldor, als Horüd den alten Mann von seinen Füßen riss. Der Prinz wirbelte herum und richtete eine weitere Salve gegen Horüd, aber es war zu spät. Mit der einen Klauenhand hielt dieser den sich windenden Light Hope fest, dessen schwache Zauberkräfte keine Hilfe waren, mit der anderen umklammerte er den verwundeten Eldor.

„Sohn!“, brüllte König Grayskull von der anderen Seite der durchsichtigen Barriere. „Das Buch! Er hat das Buch!“ In den Klauen seines rechten Fußes hielt Horüd die Trophäe für Shokoti: das Buch der Ahnen!

He-Ro wagte nicht, eine weitere Attacke gegen Horüd zu richten, um seine Freunde nicht zu verletzen. Aber er wusste, dass er dennoch etwas tun musste.

„Zu spät, ihr Narren!“, krächzte Horüd, als er mit seiner Beute, dem Buch und den beiden Männern, in dem gleichen Blitz verschwand, in dem er gekommen war.

Sobald sie fort waren, verschwand auch das verfluchte Siegel, und König Grayskull und seine Soldaten konnten den Raum betreten. Er steckte sein Schwert in die Scheide und legte seinem Sohn eine starke Hand auf die Schulter. „Hier war mächtige, dunkle Zauberei am Werk“, sagte er ernst.

„Was tun wir jetzt?“

Da sein persönlicher Berater entführt worden war, rief König Grayskull seinen Stab zusammen, die letzten in einer langen Reihe von gewählten Ratgebern, die als der Rat der Ältesten bekannt waren. Vor Jahrhunderten hatten König Grayskulls Vorfahren als erste alle bekannten Völker Eternias unter einem gemeinsamen Banner versammelt. Seit jeher hatte der regierende König auf diesen Rat vertraut, eine Gruppe von Männern und Frauen von meist großer Zauberkraft und Weisheit, die von ihren Völkern gewählt wurden, um den König oder die Königin zu unterstützen. Der gegenwärtige Kreis der Ältesten wurde als einer der besten und klügsten in der Geschichte des Planeten gerühmt, und sie fanden sich umgehend ein.


 

Die erste, die das Wort ergriff, war die Abgesandte von Zalesia, Schwester des Fürsten und eine bezaubernde Schönheit, kahlgeschoren und mit violetten Augen. „Wir bedauern zutiefst, Eure Majestät, dass die dunkle Macht auf Seiten Horüds zu stark war, um von unserer Magie in Schach gehalten zu werden.“

Steagor, der geschuppte grünhäutige Gesandte der Caligarer, sprach als nächster. „Ganz Eternia ist in Gefahr, wenn die Macht hinter diesem Angriff das Buch der Ahnen in die Hände bekommt. Das letzte Mal, als es benutzt wurde, hat Serpos unsere Welt verwüstet, und unsere Vorgänger haben alles aufbieten müssen, um ihn aufzuhalten. Niemand weiß, was jetzt geschehen kann.“

„Vielleicht kann uns der Rat der Weisen behilflich sein“, schlug Imperator Gnarl aus dem Meeresvolk vor. „Immerhin wurde einer der ihren verschleppt, möglicherweise können sie uns helfen, ihn zu finden.“

„Das wäre immerhin ein Anfang“, stimmte der König zu. Er wandte sich an seinen Sohn: „Nimm Kontakt mit deiner Mutter auf, und rufe sie nach Schloss Grayskull zurück. Mit Hilfe ihrer Magie können die Ältesten vielleicht weitere Angriffe vereiteln. Bis dahin werde ich Schloss Eternia persönlich aufsuchen.“

Kapitel 2 - Teil 5

 

Das kindliche Medium Starchild begrüßte König Grayskull und seine Begleiter an der Schwelle des Tors, das wie das Maul eines gigantischen blauen Jaguars geformt war. Der König sah auf die kleine Gestalt hinunter und sagte zu ihr: „Ich nehme an, der Rat weiß bereits, was geschehen ist.“


 

„Ja, Euer Hoheit“, antwortete sie mit jugendlich hoher Stimme (obwohl sie in Wahrheit älter war als der König). „Wir alle sind hier, nur der Fürst von Zalesia war nicht in der Lage, so kurzfristig zu uns zu stoßen.“

Starchild führte sie zu den anderen Ratsmitgliedern. Sie versammelten sich nicht wie sonst für ihre öffentlichen Besprechungen in der großen runden Halle, sondern in einer wesentlich kleineren Kammer. Sie war ein Krisenzentrum, vollgestopft mit Computern und Überwachungsgeräten, die von mehreren Ratsmitgliedern bemannt waren. Von einem metallenen Sessel, der von der Decke vor zwei schmalen Fenstern hing, dirigierte Shokoti die Vorgänge um sich herum.

„Willkommen, König Grayskull“, begrüßte sie ihn und drehte sich ihm in ihrem automatischen Kommandositz zu.

„Lady Shokoti. Ich wünschte, es wären angenehmere Umstände, die mich zu meinem Besuch hier führen.“

„Ich ebenso“, antwortete sie mit einem hörbaren Seufzer. „Wir suchen jeden Winkel Eternias nach Light Hope und Eldor ab.“

„Und nach dem Buch!“, erinnerte He-Ro eifrig.

Shokoti sah den Jungen herablassend an. „Ja, und nach dem Buch.“

König Grayskull nahm ihren Ton und ihren abfälligen Blick missbilligend zur Kenntnis, schob den Gedanken aber beiseite, um ihre einzige Hoffnung, ihre Freunde aufzuspüren, nicht zu verärgern.

„Shokoti!“, kam eine heisere, aufgeregte Stimme von einer nahen Konsole.

„Ja, Phyroah?“, fragte sie und drehte ihren Stuhl in Richtung des rotglühenden Feuermenschen.

„Ich habe sie gefunden! Horüd und eine Gruppe von spikeanischen Kriegern halten sie nahe den Höhlen von Rakash gefangen!“


 

König Grayskull und He-Ro eilten zu dem kleinen Bildschirm, darauf bedacht, Phyroahs feurigem Kopf und seinen Schultern nicht zu nahe zu kommen.

„Ausgezeichnet“, stellte Shokoti fest, als sie die Informationen über ein Display in ihrer Armlehne begutachtete. „König Grayskull, kann ich davon ausgehen, dass Ihr die Leitung der Befreiungsoperation übernehmt?“

„Natürlich“, antwortete der Kriegerkönig knapp. „Ein Batallion wartet draußen nur noch auf meinen Befehl. Wir sollten die Höhlen von Rakash bis zum Sonnenaufgang erreichen.“

 

* * *

 

Horüds Klauen zuckten vor und schnitten durch Light Hopes breites Gesicht. Kleine blutrote Perlen bildeten sich auf seinen Wangen. „Anmaßender Bastard, ich werde dich lehren, dich in die Belange Erwachsener einzumischen!“

Light Hope und Eldor waren mit magischen Ketten an die schroffen braunen Felsen des Höhleninneren geschmiedet. Horüd lief vor ihnen auf und ab, seine Flügel öffneten und schlossen sich erregt.

„Ihr hättet Eure Schwüre niemals brechen dürfen, Horüd“, antwortete Light Hope, als er sein eigenes Blut schmeckte, das jetzt seine Lippen erreichte. Horüd schlug ihm auf die andere Wange.

„Das wird Euer Meister sein“, merkte Eldor an und sah auf eine Stelle hinter Horüd.

Der Spikeaner fuhr herum und starrte auf die verhüllte Gestalt, die nur er als Shokoti erkannte. Als sie sprach, war ihre Stimme durch einen Zauber verändert, zweifellos um Eldor und Light Hope zu täuschen. „Wo ist das Buch?“


 

Horüd schnippte mit seinen langen Fingern, und einer seiner Diener brachte das Artefakt aus einem nahen Versteck. Vorsichtig übergab er das Buch und erschauerte, als er daran dachte, wie viel Macht unter dem braunen Einband schlummerte.

„Exzellent.“ Shokotis veränderte Stimme klang männlich und hohl. „Bereite deine Streitkräfte vor. König Grayskull und seine Truppen sind dir auf den Fersen und werden im Morgengrauen hier sein.“

„Wie konnten sie uns finden?“ fragte Horüd mit einem leichten Anflug von Panik in seiner Stimme. Gegen den Knaben He-Ro zu kämpfen war eine Sache, gegen den mächtigen König Grayskull selbst eine völlig andere.

„Phyroah, der Brandstifter im Rat der Weisen, hat dich aufgespürt. Er hat dein Versteck an den König weitergegeben.“ Mit dieser letzten Bemerkung verschwand Shokoti mit dem Buch in ihren Händen.

Horüd fluchte. Die Soldaten, die er mitgebracht hatte, waren nicht einmal annähernd ausreichend, um König Grayskull standzuhalten, von den Kriegern, die er um sich geschart haben mochte, ganz zu schweigen.

Light Hope, der die Gedanken seines Entführers erahnte, ließ beiläufig fallen: „Scheint, als ob Euer Meister Euch hängen lässt.“

Horüd hielt sich nicht mit einer Antwort auf. Stattdessen plante er bereits, wie er dem Menschenkönig am besten auflauern – und sein eigenes graues Fell retten könnte.

 

* * *

 

Der Himmel begann sich rosa zu färben. „Die Höhlen müssen doch hier irgendwo sein“, murmelte König Grayskull angespannt, sein gewaltiges Schwert fest in der Hand.

„Eldors telepathische Rufe werden durch Zauberei unterdrückt“, stellte He-Ro fest, indem er den riesigen Smaragd in seinem Stab benutzte, um seine magischen Sinne auszusenden. „Aber ich spüre seine Präsenz vage, wie einen Schatten, in einer kleinen Höhle nördlich von hier.“

„Dann los!“, befahl Grayskull, und seine Truppen setzten sich hinter ihm in Bewegung.


 

Die Luft in der Höhle war feucht und roch nach Salz und Moder. Der Rettungstrupp war von völliger Dunkelheit umgeben. „Sorge für etwas Licht, mein Sohn.“

He-Ro hob seinen Stab, und der Smaragd an der Spitze begann zu leuchten. Er tauchte ihre Umgebung in geisterhaft grünes Licht. „Schau!“

„Ich sehe sie“, rief Grayskull und eilte Eldor und Light Hope entgegen, die immer noch an die Wand gekettet waren.

Plötzlich ließen sich unter ohrenbetäubendem Lärm zehn spikeanische Krieger in Kampfmontur von der Höhlendecke herab und schlugen mit ihren Krallen und Flügeln auf die Helden ein. Horüd landete als letzter, direkt neben Light Hope und gerade außer Grayskulls beachtlicher Reichweite.

„Du Bestie bist in mein Heim eingedrungen“, knurrte der König, „und hast meinen Freunden weh getan. Dafür allein verdienst du den Tod. Aber eigentlich...“, er hielt kurz inne und hob sein Schwert ein wenig, „werde ich dich töten, weil du mich anwiderst.“

Grayskull lief vorwärts und ließ die spikeanischen Krieger einfach nach rechts und links von seinem massiven Körper abprallen. Horüd zog eine glänzend rote Armbrust und zielte direkt auf das Herz des Königs. Der Schuss wurde von Grayskulls Schwert mühelos abgewehrt.


 

Der König packte zu, schloss eine Hand um Horüds Kehle und rammte ihn gegen die Höhlenwand mit gerade so viel Kraft wie er aufbringen konnte, ohne ihn dabei zu töten. „Sag Lebewohl, Fledervieh!“

„Vater!“ schrie He-Ro panikerfüllt. Die anderen Spikeaner hatten die Truppen des Königs erstaunlich leicht bezwungen und kreisten nun den Prinzen ein. Mit jedem Schritt, den sie näher kamen, schlugen sie mit ihren Krallen oder mächtigen Flügeln nach ihm. Er tat sein Bestes, um sie sich vom Leib zu halten, aber ihre Attacken kamen zu schnell und brutal, als dass er einen Gegenzauber sprechen konnte.

Grayskull ließ von Horüd ab und sprang seinem Sohn zur Seite, um mit seinem Schwert und manchmal sogar seinen bloßen Händen die Angreifer zu fällen. Innerhalb von Augenblicken war alles vorbei. He-Ro war zwar verwundet und blutete stark, konnte sich jedoch lange genug für einen leichten Heilzauber konzentrieren, bevor er bewusstlos wurde. Der König fing den jungen Krieger auf, als er fiel, und als er ihn sanft auf den Boden legte, waren die Verletzungen und das Blut verschwunden.

Sofort wollte sich Grayskull wieder Horüd zuwenden, doch der rotgeflügelte Spikeaner war verschwunden. In dem Aufruhr hatte er es irgendwie geschafft, an Grayskull vorbei zu gelangen. Dann an einem anderen Tag, schwor er sich.

„Ihr seid jetzt in Sicherheit“, versprach Grayskull einen Moment später, als er die magischen Ketten durchschlug, die Light Hope und Eldor gefangen hielten.

„Mein ewiger Dank ist Euch gewiss, Grayskull“, keuchte Eldor, dessen Erleichterung ihn für einen Augenblick eine angemessenere Anrede vergessen ließ.

„Nicht nötig. Und jetzt sagt mir, wo ist das Buch der Ahnen?“

Light Hope antwortete ihm düster: „Horüd's Meister ist vor Euch eingetroffen... und hat das Buch an sich genommen.“ Innerlich strengte er sich an, sich an ein spezielles Detail zu erinnern; er glaubte beinahe, die Stimme des Verhüllten erkennen zu können, doch die Erinnerung entglitt ihm.

„Wenn jemand das Buch benutzt, wird es nicht lange dauern, bis wir davon Wind bekommen“, knurrte Eldor. „Besonders wenn er damit ein Monster wie Serpos entfesselt.“

 

* * *

 

Zurück in der Sicherheit ihrer Pyramide legte Shokoti das Buch der Ahnen auf den steinernen Altar, den sie für ihre Beschwörungen benutzte. Sie strich mit einer schlanken blauen Hand über den Einband.

Alles rückt an seinen Platz, sinnierte sie. Schon bald werde ich die Saat für den Untergang der selbsternannten Helden von Eternia ausbringen.

Sie schloss die Augen und murmelte einen einfachen Spruch, der ihr helfen sollte, den gewünschten Zauber im Buch zu finden. Ein eisiger Wind kam aus dem Nichts und öffnete es. Als er sich wieder legte, war es auf einer Seite im letzten Viertel des Folianten aufgeschlagen.

„Die Legenden waren also wahr!“, triumphierte sie laut, und ihre Stimme hallte in den umgebenden Schatten wider. Langsam fuhr ihr Finger über den Titel des Rituals auf dieser Seite, als sie die beinahe vergessene Sprache entzifferte:

Seelenwanderung...


 

Ende - Kapitel 2

Suche