He-Man.de08.02.2012
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Dark Legacies - Kapitel 1

Kapitel 1 - Teil 1

 

Fünfzehn Jahre später...

Mit einem tiefen Seufzer und schweren Herzens gab der Fürst von Zalesia seine Stimme gemeinsam  mit den anderen ab. Schweißperlen lagen auf der Hand, mit der er den sagenumwobenen Widderstab umschloss. „Ich habe oft meine Ratskollegen zu bewegen versucht, von unseren überkommenen Grundsätzen zum Begründen einer Familie abzurücken“, sprach er, bevor er einen Moment inne hielt. „Dennoch, in diesem Fall werde ich mit ihnen stimmen, weil ich spüre, dass dem Rat der Weisen durch das Ausscheiden des Prälaten besser gedient ist.“ Das Ratsmitglied unter Anklage, Prälat Horüd, war ein Spikeaner. Er zischte den Lord von Zalesia durch gefletschte Reißzähne an.

„Dann sei es“, verkündete Lady Shokoti und stand von ihrem Sitz auf dem Ratspodium auf. Sie hob ihr Gesicht und ihre Arme den schweigenden Massen entgegen, die erwartungsvoll von den Emporen hoch oben zusahen. „Der Rat der Weisen beschließt hiermit einstimmig, dass Prälat Horüd alle Titel aberkannt bekommt und von allen Verpflichtungen entbunden wird. Auch wenn mein geschätzter Kollege eine andere Ansicht vertreten mag, es besteht bei uns noch immer die Notwendigkeit, allen Beziehungen zu entsagen, wie sie die gewöhnlichen Eternier pflegen. Wir müssen Abstand wahren, um in unseren Urteilen gerecht zu bleiben.
„Prälat Horüd hat seine Schwüre gebrochen und mit seiner stillianischen Geliebten einen illegitimen Sohn gezeugt – ein Halbblut namens Zed.“ Sie richtete ihre grauen Augen wieder auf Horüd und fuhr fort. „Deshalb werdet Ihr aus diesem Rat verbannt. Nehmt Eure Habseligkeiten und verlasst die Hallen von Schloss Eternia – sofort.“

Shokoti ließ sich wieder nieder, als Prälat Horüd auf den blauen Marmorboden der Ratshalle ausspie. Schweigend blickte er nacheinander jeden seiner früheren sogenannten Brüder und Schwestern an – einen langen, ewigen Moment. Seine langen, ledrig roten Flügel, ein genetischer Defekt, den er nur mit seinem jüngeren Bruder teilte, bebten mit jedem mühsamen Atemzug.

Abwechselnd glitten Zorn und Hass über seine glasigen roten Augen und ließen sogar eine der speleanischen Wachen nahe des Podiums unruhig werden. Die Speleaner mochten unheimlich aussehen für die menschlichen Eternier, waren aber eine allgemein friedliebende Spezies. Ihre genetischen Verwandten hingegen, die Spikeaner, waren weltweit als schreckliche, blutrünstige Kreaturen gefürchtet. Erstaunlich, dass sie ihm überhaupt erlaubten, dem Rat beizutreteten, durchfuhr es den Wachmann.

„Nun gut“, fügte sich Horüd schließlich, in einem so leisen Ton, dass sogar der nahe Krieger-Prinz He-Ro sich anstrengen musste, um ihn zu verstehen. „Ich werde diesen widerwärtigen Ort mit Freuden verlassen. Aber ich versichere Euch, das ist nicht das letzte, was Ihr von mir hört!“

 

*****

 

Eine kurze Weile später wich weinrote Dämmerung dem violetten Nachthimmel. Prälat Horüd saß auf der Brüstung der höchsten Zinnen von Schloss Eternia. Seine messerscharfen Klauen krallten sich in den blauen Stein, bis er splitterte – er schien wie ein grauenvoller, lebendiger Gargyl auf der Wacht über die Länder Eternias tausende Fuß unter ihm. In dem Moment, als er sich in die Luft erheben wollte, hörte er ein Geräusch wie zerreißender Stoff hinter sich. Horüd fuhr in einem Lidschlag herum und schleuderte gefährlich gezackte Dolche von sich.

Bevor sie ihr Ziel erreichten konnten, fielen sie harmlos auf den steinernen Boden des Turms. „Du musst schneller sein, wenn du mich verletzen willst“, kam es gedämpft unter einem wallenden, düsteren Kapuzenmantel hervor.

„Wie konntet Ihr das zulassen?“ zischte Horüd. „Wie soll ich den Rat in Eurem Sinne beeinflussen, wenn mir mein Titel genommen wird?“

Der Verhüllte lachte hohl, was Horüds Blut gefrieren ließ. „Ich brauche deine Hilfe keineswegs. Du bist lediglich eine Puppe von hunderten.“ Er kam einen Schritt näher. „Ich hatte große Pläne für dich, Horüd. Du hättest der höchste General in dem großartigen Königreich werden sollen, das ich errichten werde.“

„Warum habt Ihr dann nicht Graykulls Leute daran gehindert, dem Rat von meinem verfluchten Nachkommen zu berichten?“

„Bei allen Plänen, die ich für dich hatte – deine Dummheit ist manchmal wirklich überwältigend.“ Trotz seines Zorns wagte Horüd nicht, gegen den dunklen Mächtigen vorzugehen.

Die verhüllte Gestalt fuhr fort. „Zu viele wissen um deine dummen Indiskretionen. König Grayskull und seine Familie, Veena und He-Ro. Grayskulls engster Vertrauter, Eldor. Und natürlich Light Hope, Eldors Sohn – der kleine Welpe, der als erster herausgefunden hat, was du getan hast. So viele einflussreiche Figuren hätte ich nicht auf einmal beseitigen können, oder es wäre offenbart worden, dass jemand aus nächster Nähe an ihrem Untergang arbeitet. Nein... zu schnell hätte die Fährte zu mir geführt, und ich werde Jahrhunderte der Planung nicht wegen deines Fehlers zunichte machen!“

„Was dann? Bin ich erledigt, oder habt Ihr andere Pläne für mich?“

„Obwohl du mir im Rat jetzt nicht mehr von Nutzen bist, bleibt es bei meinen ursprünglichen Plänen für dich. Kehre jetzt nach Hause zurück und führe deine Aufgabe am Finsteren Brunnen fort. Ich werde mit dir in Verbindung treten, wenn die Zeit reif ist für unseren nächsten Schritt.“

„Aber wann werde ich –“ Horüd krümmte sich, seine Innereien schienen sein ölig-graues Fell sprengen zu wollen. Er wand sich in lautloser Agonie, seine Lungen verwehrten ihm jeglichen Schmerzenslaut.

„Du wirst alles erfahren, was du wissen musst – wenn ich die Zeit für gekommen halte. Jetzt geh!“

So plötzlich wie die Krämpfe begonnen hatten, hörten sie wieder auf. Horüd hielt seine Augen auf den Boden gerichtet, damit der Verhüllte nichts von dem Hass darin sehen konnte – oder von seinen Schmerzenstränen. Ohne ein weiteres Wort schwang sich der Spikeaner vom höchsten Turm über Schloss Eternia und flog davon.

Die verbliebene Gestalt trat an die Brüstung, strich mit blauen Fingern über die Risse, die Horüds Krallen im Stein hinterlassen hatte, und sah ihm mit grauen Augen nach. Nach langen Minuten vorsichtigen Lauschens entschied sie, dass die Kapuze gefahrlos abgenommen werden konnte. Langes dunkles Haar quoll vervor, als Shokoti sich ihrer Verkleidung entledigte.

Schon bald werden meine Pläne Früchte tragen, und Eternia wird reif für die Ernte sein! In schwindelnden Höhen, mit einer kühlen Brise auf ihren Wangen, gestattete sich Shokoti, im Geiste zurückzugehen zu einer Zeit, als sie von ihrem langlebigen Volk noch als Kind betrachtet wurde. Für ihre Leute hatte sie nichts übrig, stattdessen dachte sie an eine bestimmte, weit zurückliegende Nacht...

Die halbwüchsige Shokoti hatte sich verirrt in den öden Eisigen Bergen, fern von Zuhause und inmitten eines alten Initiationsritus. Stunde um Stunde peitschten grausame Winde und Schneestürme herab, um jeden unter sich zu begraben, der es wagte, den Schutz einer Unterkunft zu verlassen. Und doch, hier stand sie: frierend, hungrig, allein – und zornig, dass ihre eigene Familie damit einverstanden war, sie diesem barbarischen und überkommenen Brauch zu unterwerfen.

Schon jetzt sind meine Zauberkräfte stärker als die der meisten von ihnen, dachte sie verbittert. Das ist der wahre Grund, warum sie mich fortgeschickt haben! Sie haben gespürt, wie die Macht in mir wächst!

Shokoti war entschlossen, dem Schamanen ihres Dorfes die Genugtuung zu verweigern, die ihr Scheitern gebracht hätte. Sie stapfte weiter, nur begleitet von ihren finsteren Gedanken und dem Ehrgeiz, siegreich heimzukehren.

Plötzlich tauchte eine Schneebestie hinter einer Klippe hoch über ihr auf und ließ sich fallen! Die Kreatur war größer als die meisten Behausungen in ihrem Dorf Infinitia, aber das Mädchen ließ sich davon wenig beeindrucken. „Ich habe mich schon gefragt, wann du aufhörst, mir feige nachzustellen und endlich zuschlägst!“ Die Schneebestie schwang eine massige Pfote nach Shokoti, als sie mit einem gewaltigen Messer säuberlich ein Stück Fleisch davon herausschnitt. Sie hatte es verborgen getragen, seit sie seine hungrigen Blicke das erste Mal im Nacken spürte. Das Monster erschütterte die eisige Schlucht mit einem schmerzerfüllten Schrei und sprenkelte das blendende Weiß des Schnees mit klebrigem, purpurnem Schleim.

Doch so schnell wie sie es verwundet hatte, so schnell holte es mit der anderen Tatze nach ihr aus und schleuderte das blauhäutige Mädchen gegen eine der kalten Felswände um sie herum. So schnell sie konnte sprang sie wieder auf ihre Füße, aber es war zu spät!

Die Schneebestie war direkt über ihr, die gelben, von einem vorigen Opfer noch blutbefleckten Zähne gefletscht und mit einem tiefen Grollen, das sich zu einem ohrenbetäubenden Brüllen steigerte. Die Schlucht erzitterte erneut, aber diesmal hörte das Beben nicht auf, als die Bestie verstummte.

„Idiot!“ schrie Shokoti über das Krachen hinweg, „Du hast eine Lawine ausge-“

Bevor sie ihren Satz beenden konnte, gab das Eis unter ihr nach. Shokoti stürzte mit einem Schrei, hart schlug sie auf. Sie fand sich in einer gewaltigen Höhle wieder, deren gähnende Öffnung von den herabfallenden Schneemassen schnell wieder verschlossen wurden, aber wenigstens sah Shokoti noch den befriedigenden Anblick, wie ihr monströser Gegner von einem massiven Eisbrocken zerschmettert wurde. Dann war die Sicht nach draußen völlig versperrt.

Allmählich kamen die Massen von Schnee und Eis zur Ruhe, und einmal mehr war Shokoti allein, diesmal gefangen in einer stillen Höhle unter Tonnen von gefrorenen Trümmern.

Dann kann ich mir mein Grab genauso gut einmal anschauen, dachte sie bitter. Sie beschwor eine kleine blaue Flamme, und die gesamte Kammer erstrahlte vor ihr, als sich ihr Licht in Tausenden der schönsten Kristalle brach, die Shokoti jemals gesehen hatte! Genau in der Mitte der Höhle war eine gigantische kristallene Kugel, auf die alle anderen Kristalle gerichtet schienen.

„Sei willkommen“, sprach eine tiefe Stimme.

„Wer ist da?“ rief Shokoti und griff wieder nach ihrem Dolch.
„Das wirst du hier nicht brauchen, Shokoti. Ich will dir nichts tun.“

„Wer – wer seid Ihr?“, fragte sie und hasste sich insgeheim für den zitternden, unsicheren Klang ihrer Worte.

Die Kugel leuchtete hell auf und verschluckte das blaue Licht, das Shokoti erschaffen hatte, vollständig. Im Inneren erschien ein uraltes Gesicht und sprach: „Ich bin das Orakel vom Kristallmeer.“

„Das Kristallmeer? Das ist...“

„Ja, weit entfernt von deinem ursprünglichen Ziel. Du hast den richtigen Pfad schon vor einer ganzen Weile verlassen.“

„Wörtlich oder im übertragenen Sinne?“ kicherte Shokoti.

Das Orakel ging nicht auf den Spott ein. „Vielleicht beides“, kam die gleichgültige Antwort. „Dir ist Großes vorbestimmt, Shokoti, aber der Weg, den Du für dein Leben wählst, wird entscheiden, ob Gutes oder Schlechtes daraus erwächst.“

Das Mädchen war von den geheimnisvollen Worten wie gebannt. „Erzähle mir mehr“, bat sie, „ich werde wohl nicht so schnell von hier fort kommen.“

„Wenn du dich abwenden kannst von dem Hass und der Bosheit, die aus deinem Herz zu quellen drohen, dann wirst du deinen Platz inmitten der weisesten Geschöpfe, die Eternia je gesehen hat, einnehmen können. Gemeinsam werdet ihr einem großen König beistehen im Kampf gegen Armeen schrecklichster, widernatürlicher Kreaturen.“

Das Antlitz des Orakels verschwand aus dem Kristall, und an seine Stelle trat ein lebendiges Bild von Soldaten, gekleidet in Silber und Rot, die durch die Lande Eternias zogen. Ihnen folgte ein Strom aus Feuer und Blut, und das Symbol einer großen roten Fledermaus führte sie an.

„Sieht unschön aus“ bemerkte sie leichthin, als eine zweite Macht in der Kugel erschien. Diese neue Armee, mit Shokoti unter ihren Anführern, bezwang die Angreifer mühelos.

„Und was ist die Alternative?“ fragte sie, als das Gesicht des Orakels wieder auf der kristallenen Oberfläche erschien.

Getrieben von seiner unabänderlichen Natur, Antworten auf solche Fragen zu geben, sprach das Orakel: „Du wirst große Finsternis hervorbringen und Schmerz in jedem Winkel Eternias säen. Am Ende wird diese Dunkelheit sogar andere Welten verschlingen, so gewaltig ist sie.“

Shokoti zeigte ein kaltes Lächeln, als sie an ihre erbärmlichen Eltern und den Schamanen zurück dachte. Für Ihre Rache würde sie die Dunkelheit benutzen, von der das Orakel sprach. „Mehr.“

„Bitte – was ich sehe, sind Schrecken jenseits aller Vorstellungskraft, und nichts Gutes wird daraus erwachsen, wenn du mehr von der Bosheit in deiner Seele erfährst“, versuchte sich das Orakel zu wehren.

„Aber du musst – ich befehle es!“

„So sei es. Das ist wohl mein Fluch als Wesen im Zusammenfluss von Zeit und Raum.“

Das uralte Gesicht verschwand, und ein beeindruckend gut aussehender, blauhäutiger Mann erschien im Kristall. Er trug einen säuberlich geschorenen, schwarzen Bart.

„Er ist Infiniter?“

„Er ist dein Sohn.“

„Mein Sohn?“ brachte sie hervor. „Wer –“

„Sein Name wird Keldor sein, auch wenn er schließlich einen anderen annehmen wird. Am Ende wird er schrecklicher sein als alle Armeen, die ich zuvor gezeigt habe. Seine Bosheit wird selbst die deine übertreffen! Und doch wird auch er besiegt werden... irgendwann.“

 Ein junger, blonder Eternier trat an Keldors Stelle. „Der Erbe von Grayskull, ein Krieger namens He-Man, wird ihn nach Jahren des Kämpfens und Blutvergießens aufhalten.“

Der letzte Satz interessierte sie nicht. „Mein Sohn wird das mächtigste Wesen sein, das auf Eternias Boden wandelt? All das, weil ich den falschen Pfad gewählt habe?“ fragte sie mit einem grimmigen Lächeln auf ihrem schönen blauen Gesicht...

 

*****

 

Ich werde dafür sorgen, dass die Prophezeiung des Orakels nicht in ihrem vollen Maße eintritt, versprach sich Shokoti, als ihre Gedanken in die Gegenwart zurückkehrten. Wenn ich erst die gewaltigste Armee geschaffen habe, die Eternia je gesehen hat, werde ich Keldor gebären und ihm die Führung übertragen, wenn er alt genug dafür ist. Oh, er wird auf dem Thron Eternias sitzen, aber ich werde die Macht hinter dem Thron sein!

Ihre Überlegungen wurden unterbrochen von den schweren Schritten Light Hopes. Der rundliche junge Mann deutete zum Horizont, wo die Umrisse des davonfliegenden Horüd noch vage zu sehen waren. „Es muss schwer sein, ein Ratsmitglied so fallen zu sehen, selbst für unsere Führerin.“

Shokoti schnaubte innerlich, aber sie wählte einen etwas umgänglicheren Ton, als sie soeben für ihren Untergebenen benutzt hatte. „Mein lieber Junge, ich habe Audienz in dieser Halle gehalten, noch bevor Seine Majestät, König Grayskull, seinen ersten Schritt getan hat. Tatsächlich habe ich genau dort gesessen, bevor dein Vater seinen ersten Atemzug nahm.“

„Und das war vor Äonen“, scherzte Light Hope, mit einem Lächeln auf seinen rosigen Wangen unter dem dichten braunen Bart.

Shokoti gestattete sich selbst ein leichtes Schmunzeln. „Beinahe. Was ich sagen will: Ich habe mehr Ratsmänner und -frauen fallen sehen, als mich zu erinnern die Mühe wert ist. Einige haben uns in Schande verlassen, aber die meisten waren schlicht dem Alter erlegen. Horüds Platz im Konzil ist nicht der erste, der neu besetzt werden muss, und er wird sicherlich nicht der letzte sein.“

Mit einem leisen Räuspern trat ein Dritter zu ihnen auf die Spitze von Schloss Eternia. Eldor wandte sich an sie: „Verzeiht die Störung, Milady, aber König Grayskull bat darum, dass mein Sohn, der Prinz und ich an seiner Banketttafel erscheinen.“

„Gut“, antwortete Shokoti, die sich den beiden anderen erst jetzt zu wandte. „Bitte richtet König Grayskull die Dankbarkeit des Rates aus, dass wir den Schutz seines Sohnes in Anspruch nehmen durften.“

„Selbst wenn es gegen das Urteil seines Vaters gewesen wäre, bin ich sicher, dass He-Ro auf jeden Fall mitgekommen wäre, meine Freundin. Jemand so Gefährliches und Gerissenes wie Horüd... wer weiß, was hätte geschehen können, wenn er uns weniger friedfertig verlassen hätte.“

„In der Tat.“

Für einen kurzen, unbeobachteten Moment glitten Shokotis Augen zu dem dicken Buch, das Elder fest in seinen knotigen Händen hielt. Wenn dieses Buch erst einmal mein ist, alter „Freund“, wird Horüd die geringste deiner Sorgen sein!

Augenblicke später verfolgte Shokoti, wie der Konvoi mit dem Ratsmitglied Light Hope und den beiden Gesandten von König Grayskull Schloss Eternia verließ.

Kapitel 1 - Teil 2

Horüd bewegte sich vorsichtig durch die wabenartigen, magma-triefenden Tunnel unter dem Finsteren Brunnen. Er kochte immer noch vor Wut: Wut auf Shokoti, dass sie diesen Stutzer Light Hope nicht aufgehalten hatte; auf den Rat, dass sie ihn seines Amtes beraubt hatten; und vor allem auf die stillianische Hure, die ihn in diese süße Falle gelockt hatte, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen.

Er landete geräuschlos in der innersten Höhle des Berges, und seine Grübeleien machten ihn keineswegs empfänglich für weitere Störungen. Unglücklicherweise schien das dem anderen Kind seines Vaters, dem jüngeren Bruder, entgangen zu sein. Oder vielleicht auch nicht, und diese Ahnung zerrte noch mehr an Horüds Gemüt.

Herrisch schritt Hordak über den felsigen Boden, und indem er seine mächtigen roten Schwingen benutzte, um über die größeren Lavarinnsale zu gelangen, näherte er sich Horüd und verneigte sich leicht vor ihm. „Willkommen zurück, Herr.“ 

Horüd wusste, dass der Titel spöttisch gemeint war, aber er schwor sich innerlich, dass – sobald Shokoti ihren Teil der Vereinbarung erfüllt hätte – sein abscheulicher jüngerer Bruder zitternd vor ihm kriechen würde.

„Was willst du, Kleiner?“ knurrte er. „Ich bin nicht in der Stimmung, mich mit Nebensächlichkeiten abzugeben, also wähle deine Worte vorsichtig und sieh zu, dass es etwas Wichtiges ist.“

„Meine Worte sind immer gewichtig“, gab Hordak spitz zurück, „selbst wenn Ihr nicht weise genug seid zuzuhören.“

Mit einem ärgerlichen Zischen schwang sich Horüd in die Luft und stieß auf einen ahnungslosen Ork in der Nähe herab. Horüds Krallen bohrten sich tief in die Schultern der kleineren Kreatur, und es quiekte wie ein Schwein, als es bis zur Decke der Höhle gezerrt und mit einem widerwärtigen, knochenbrechenden Krachen fallen gelassen wurde.

Horüd wandte sich wieder seinem Bruder zu und verlangte von ihm: „Von wem weißt du es?“

„Sagen wir einfach, dass mir ein kleiner... Imp von Eurer Demütigung erzählt hat.“

„Ich habe dich davor gewarnt, diesen...“

„Das Wort, das Ihr sucht, ist „Familiar“, Bruder. Wir Magier benutzen Familiaren als unsere Augen und Ohren, wenn wir anderweitig beschäftigt sind.“

„Halte mir das Ding bloß vom Leib! Wenn ich es das nächste Mal erwische, wird dein teurer kleiner Imp sehr bedauern, dass du ihn beschworen hast!“

Hordak war es leid, mit seinem älteren Bruder zu streiten, und so lächelte er lediglich vergnügt. Der jüngere Spikeaner hatte immer gewusst, dass Horüd neidisch auf ihn war. Ihr Vater war der mächtigste Magier gewesen, den ihr Volk je hervorgebracht hatte, aber diese magischen Talente hatten beschlossen, den Erstgeborenen zu überspringen. Von den beiden würde nur Hordak je in der Lage sein, erfolgreich einen Zauber zu wirken.

Während Horüd viele Jahre damit verschwendet hatte, die eher weltlichen Wissenschaften zu studieren und sich als Puppe für einen geheimen Meister einspannen zu lassen, hatte sich Hordak in die dunkleren, übernatürlichen Künste vertieft. Er war mächtig geworden, stärker als Horüd sich je hätte erträumen können, aber er gefiel sich darin, ihn das Gegenteil glauben zu lassen. Es würde später umso befriedigender sein, ihn sich zu unterwerfen.

„Was wolltest du mir überhaupt sagen, Wurm?“

Hordak suchte die dunklen Augen seines Bruders. „Die anderen Spikeaner haben die letzten Arbeiten an den Rüstungen beendet, und die Ork-Schmiede haben die äußere Hülle von Prime fertiggestellt.“

„Mein Meister wird mit dieser Nachricht äußerst zufrieden sein“, gab Horüd zurück, und sein Ärger über Hordak verflüchtigte sich. „Bald werde ich die großartigste, schrecklichste Armee anführen, die diese Welt je gesehen hat! Und wenn meine Feinde erst bezwungen sind, wird auch mein Meister vor mir fallen. Eternia wird mein sein!“

 

Ende - Kapitel 1

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